Thema: Ritual Die–Gut–Tue–Zeit

Eröffnet am 24.02.2020 um 21:49 Uhr

Saskia Teamer(-in) 24.02.2020 21:49

Hallo ihr Lieben!

Wie versprochen eröffne ich im Forum die Gut–Tue–Zeit Inhalte aus unseren Chats.
Am Ende von jedem Chat, bringe ich für euch User etwas mit, dass die Gut–Tue–Zeit genannt wurde.
So ist es für alle möglich die durchaus schwierigen Themen auch abzuschütteln und am Ende des Chats nochmal zu entspannen bevor es dann zur Verabschiedung kommt. Ich freue mich euch dazu einladen zu dürfen :)

Viele liebe und herzliche Grüße
Saskia

Saskia
Teamerin
Beratung4Kids
Saskia Teamer(-in) 24.02.2020 21:54

Hallo ihr Lieben,

hier die erste Geschichte von unserer heutigen Gut–Tue–Zeit aus dem Chat.
Viel Freude damit!
Saskia


Die Feldmaus Frederick

Rund um die Wiese herum, wo Kühe und Pferde grasten, stand eine alte, alte Steinmauer.
In dieser Mauer, nahe bei Scheune und Kornspeicher, wohnt eine Familie schwatzhafter Feldmäuse.
Aber die Bauern waren weggezogen, Scheune und Kornspeicher standen leer. Und weil es bald Winter wurde, begannen die kleinen Feldmäuse Körner, Nüsse, Weizen und Stroh zu sammeln.

Alle Mäuse arbeiteten Tag und Nacht. Alle, bis auf einen: Frederick. „Frederick, warum arbeitest du nicht?“ fragten sie. „Ich arbeite doch“, sagte Frederick, „ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten, dunklen Wintertage.“
Und als sie Frederick so dasitzen sahen, wie er auf die Wiese starrte, sagten sie: „Und nun, Frederick, wir sind alle am Arbeiten, was machst du nun?“ „Ich sammle Farben“, sagte er, „denn der Winter ist lang und grau.“
Und einmal sah es so aus, als sei Frederick halb eingeschlafen, während die anderen hart arbeiteten. „Träumst du, Frederick?“ fragten die Mäuse vorwurfsvoll. „Aber nein“, sagte er, „ich sammle Wörter. Es gibt lange, dunkle Wintertage und dann wissen wir nicht mehr, worüber wir sprechen sollen.“

Als nun der Winter kam und der erste Schnee fiel, zogen sich die fünf kleinen Feldmäuse in ihr Versteck zwischen den Steinen zurück. In der ersten Zeit gab es noch viel zu essen, und die Mäuse erzählten sich Geschichten, über singende Füchse und tanzende Katzen. Da war die Mäusefamilie glücklich! Aber nach und nach waren fast alle Nüsse und Beeren aufgeknabbert, das Stroh war alle und an die Körner konnten sie sich kaum noch erinnern.
Es war auf einmal sehr kalt zwischen den Steinen der alten Mauer und keiner wollte mehr sprechen.
Da fiel ihnen plötzlich ein, wie Frederick von Sonnenstrahlen, Farben und Wörtern gesprochen hatte.
„Frederick!“ riefen sie, „was machen deine Vorräte?“
„Macht die Augen zu“, sagte Frederick und kletterte auf einen großen Stein. „Jetzt schicke ich euch Sonnenstrahlen. Fühlt ihr schon, wie warm sie sind? Warm, schön und golden?“ Und während Frederick so von der Sonne erzählte, wurde den vier kleinen Mäusen schon viel wärmer. Ob das Fredericks Stimme gemacht hatte? Oder war es ein Zauber? „Und was ist mit den Farben, Frederick?“ fragten sie aufgeregt. „Macht wieder eure Augen zu“, sagte Frederick. Und als er von blauen Kornblumen und roten Mohnblumen im gelben Kornfeld und von grünen Blättern am Beerenbusch erzählte, da sah sie die Farben so klar und deutlich vor sich, als wären sie aufgemalt in ihren kleinen Mäuseköpfen.
„Und die Wörter, Frederick?“
Frederick räusperte sich, wartete einen Augenblick und dann sprach er wie von einer Bühne herab:
„Wer streut die Schneeflocken, wer schmilzt das Eis? Wer macht lautes Wetter, wer macht es leis? Wer bringt den Glücksklee im Juni heran? Wer verdunkelt den Tag, wer zündet die Mondlampe an?
Vier kleine Feldmäuse, wie du und ich, wohnen im Himmel und denken an dich.
Die erste ist die Frühlingsmaus, die lässt den Regen lachen. Als Maler hat die Sommermaus die Blumen bunt zu machen.
Die Herbstmaus schickt mit Nuss und Weizen schöne Grüße. Pantoffeln braucht die Wintermaus, für ihre kalten Füße.
Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind vier Jahreszeiten. Keine weniger und keine mehr.
Vier verschiedene Fröhlichkeiten. “Als Frederick aufgehört hatte klatschten alle fröhlich, lachten und riefen: „Frederick, du bist ja ein Dichter! “ Frederick wurde rot, verbeugte sich und sagte bescheiden: „Ich weiß es, ihr lieben Mäusegesichter.“



Eine Geschichte von Leo Leonni - erhältlich als Büchlein mit schönen Illustrationen.

Saskia
Teamerin
Beratung4Kids
Saskia Teamer(-in) 26.02.2020 21:56

Hallo ihr Lieben!

Heute habe ich eine neue Geschichte aus unserer Gut—Tue—Zeit vorhin mitgebracht für alle zum Nachlesen.
Viel Freude und Wärme damit wünscht euch
Saskia

vielleicht
Eine Geschichte über die unendlich vielen Begabungen in jedem von uns
Geschrieben von Kobi Yamada und illustriert von Gabriella Barouch


Hast du dich jemals gefragt, warum du hier bist?

Du bist du.
So jemanden wie dich hat es noch nie gegeben und wird es auch nie mehr geben.

In dir steckt so viel.

Vielleicht wirst du einmal etwas erfinden,
das noch niemand zuvor gesehen hat?

Vielleicht wirst du einmal Dinge bauen,
die hoch bis in den Himmel ragen?

Dein Leben gehört dir.

Probier so viele Dinge aus, wie du nur ausprobieren kannst.
Schau dir so viel an, wie du nur anschauen kannst.

Wohin du auch gehst, nimm deine Hoffnungen mit,
pack deine Träume ein, und vergiss niemals auf Reisen werden Entdeckungen gemacht.

Vielleicht wirst du anderen helfen,
die Schönheit in jedem Tag zu erkennen?

Oder vielleicht wirst du Menschen mit deiner Begeisterung mitreißen?

Mache alles mit Liebe.

Folge deinem Herzen und schaue, wohin es dich führt.

Vielleicht bist du hier, um Licht an Orte zu bringen,
die viel zu lange dunkel waren?

Vielleicht wirst du für jene deine Stimme erheben,
die nicht für sich selbst sprechen können?

Vielleicht bist du hier, um auf eine besondere Art zu helfen,
wie nur du es kannst?

Manches wird dir Mühe bereiten, manches Sorgen,
und es wird nicht immer einfach sein.

Manchmal wird es sich richtig schwer anfühlen.

Und du könntest sogar alles vermasseln.

Du könntest hinfallen.

Du könntest scheitern.

Aber du wirst auch wieder aufstehen,
und ein wenig stärker und größer daraus hervorgehen.

Weil da so viel mehr in dir steckt, als dir bewusst ist.

Diese Welt braucht deine Begabungen, deine Talente, deine großartigen Ideen.

Vielleicht fängst du ja gerade erst an.

Was, wenn du erst an der Oberfläche kratzt?
Von dem, was du machen und wer du sein kannst?

Was, wenn du Talente besitzt,
die du bis jetzt noch gar nicht entdeckt hast?

Da ist etwas Starkes,
ja sogar Magisches in dir.

Du trägst schon alles in dir,
um bedeutsame Dinge zu tun.

Vielleicht hast du jetzt noch keine Ahnung,
was alles in dir steckt?

Und vielleicht weißt du auch nicht,
wie bedeutsam du bist?

Aber vielleicht, ja vielleicht, hat die Welt
schon seit Ewigkeiten auf genau so jemanden
wie dich gewartet.

Eine Sache ist gewiss, du bist hier.

Und weil du hier bist . . .

. . . ist alles möglich.

Saskia
Teamerin
Beratung4Kids
Saskia Teamer(-in) 01.03.2020 02:29

Hallo ihr Lieben!

Am Ende unseres Mitternachtschats kommt wie in unserer Gut-Tue-Zeit der kleine Prinz.

Viel Freude!
Saskia


Der kleine Prinz
Antonie De Saint-Exupéry


Kapitel I

Als ich sechs Jahre alt war, sah ich einmal in einem Buch über den Urwald, das „Erlebte Geschichten“ hiess, ein prächtiges Bild. Es stelle eine Riesenschlange dar, wie sie ein Wildtier verschlang.
In dem Buch hieß es: „Die Boas verschlingen ihre Beute als Ganzes, ohne sie zu zerbeißen. Daraufhin können sie sich nicht mehr rühren und schlafen sechs Monate um zu verdauen.“
Ich habe damals viel über die Abenteuer des Dschungels nachgedacht und ich vollendete mit einem Farbstift meine erste Zeichnung.

Ich habe den großen Leuten mein Meisterwerk gezeigt und sie gefragt, ob ihnen meine Zeichnung nicht Angst mache.
Sie haben mir geantwortet: „Warum sollen wir vor einem Hut Angst haben?“
Meine Zeichnung stellte aber keinen Hut dar. Sie stellte eine Riesenschlange dar, die einen Elefanten verdaut.
Ich habe dann das Innere der Boa gezeichnet, um es den großen Leuten deutlich zu machen. Sie brauchen ja immer Erklärungen.

Die großen Leute haben mir geraten, mit den Zeichnungen von offenen oder geschlossenen Riesenschlangen aufzuhören und mich mehr für Geografie, Geschichte, Rechnen und Grammatik zu interessieren. So kam es, dass ich eine großartige Laufbahn, die eines Malers nämlich, bereits im Alter von sechs Jahren aufgab. Der Misserfolg meiner Zeichnungen Nr. 1 und Nr. 2 hatte mir den Mut genommen.
Die großen Leute verstehen nie etwas von selbst, und für die Kinder ist es zu anstrengend, ihnen immer und immer wieder erklären zu müssen.
Ich war also gezwungen, einen anderen Beruf zu wählen und lernte fliegen. Ich bin überall in der Welt herumgeflogen und die Geografie hat mir dabei wirklich gute Dienste geleistet. Ich konnte auf den ersten Blick China von Arizona unterscheiden. Das ist sehr praktisch, wenn man sich in der Nacht verirrt hat.

So habe ich im Laufe meines Lebens mit einer Menge ernsthafter Leute zu tun gehabt. Ich bin viel mit Erwachsenen umgegangen und habe Gelegenheit gehabt, sie ganz aus der Nähe zu betrachten. Das hat meiner Meinung über sie nicht besonders gut getan. Wenn ich jemanden traf, der mir ein bisschen heller vorkam, versuchte ich es mit meiner Zeichnung Nr. 1, die ich gut aufbewahrt habe. Ich wollte sehen, ob er wirklich klug war. Aber jedes Mal bekam ich zur Antwort: „Das ist ein Hut.“ Dann redete ich mit ihm weder über Boas noch über Urwälder, noch über die Sterne.
Ich stellte mich auf seinen Standpunkt. Ich sprach mit ihm über Bridge, Golf, Politik und Krawatten. Und der große Mensch war äußerst befriedigt, einen so vernünftigen Mann getroffen zu haben.


Kapitel II

Ich blieb also allein, ohne jemanden, mit dem ich wirklich hätte sprechen können, bis ich vor sechs Jahren einmal eine Panne in der Wüste Sahara hatte. Etwas an meinem Motor war kaputtgegangen. Und da ich werde einen Mechaniker noch Passagiere bei mir hatte, machte ich mich ganz allein an die schwierige Reparatur. Es war für mich eine Frage auf Leben und Tod. Ich hatte für kaum acht tage Trinkwasser mit.

Am ersten Abend bin ich also im Sand eingeschlafen, tausend Meilen von jeder bewohnten Gegend entfernt. Ich war viel verlassener als ein Schiffbrüchiger auf einem Floß mitten im Ozean. Ihr könnt euch daher meine Überraschung vorstellen, als bei Tagesanbruch eine seltsame kleine Stimme mich weckte:
„Bitte… zeichne mir ein Schaf!“
„Wie bitte?“
„Zeichne mir ein Schaf….“
Ich bin auf die Füße gesprungen, als wäre der Blitz in mich gefahren. Ich habe mir die Augen gerieben und genau hingeschaut. Da sah ich ein kleines, höchst ungewöhnliches Männchen, das mich ernsthaft betrachtete.
Ich kann nichts dafür.
Ich war im Alter von sechs Jahren von den großen Leuten aus meiner Malerlaufbahn geworfen worden und hatte nichts zu zeichnen gelernt als geschlossene und offene Riesenschlangen.
Ich schaute mir die Erscheinung also mit großen, staunenden Augen an.
Vergesst nicht, dass ich mich tausend Meilen abseits jeder bewohnten Gegend befand. Auch schien mir mein kleines Männchen nicht verirrt, auch nicht halbtot vor Müdigkeit, Hunger, Durst oder Angst. Es machte durchaus nicht den Eindruck eines mitten in der Wüste verlorenen Kindes, tausend Meilen von jeder bewohnten Gegend.
Als ich endlich sprechen konnte, sagte ich zu ihm:
„Aber... was machst denn du da?“
Da wiederholte es ganz sanft, wie eine sehr ernsthafte Sache:
„Bitte... zeichne mir ein Schaf…“
Wenn das Geheimnis zu eindrucksvoll ist, wagt man nicht zu widerstehen. So absurd es mir erschien - tausend Meilen von jeder menschlichen Behausung und in Todesgefahr - ich zog aus meiner Tasche ein Blatt Papier und eine Füllfeder. Dann aber erinnerte ich mich, dass ich vor allem Geografie, Geschichte, Rechnen und Grammatik studiert hatte, und missmutig sagte ich zu dem Männchen, dass ich nicht zeichnen könne.
Es antwortete: „Das macht nichts. Zeichne mir ein Schaf.“
Da ich nie ein Schaf gezeichnet hatte, machte ich ihm eine von den einzigen zwei Zeichnungen, die ich zuwege brachte. Die von der geschlossenen Riesenschlange. Und ich war höchst verblüfft, als ich das Männchen sagen hörte: „Nein, nein! Ich will keinen Elefanten in einer Riesenschlange. Eine Riesenschlange ist sehr gefährlich und ein Elefant braucht viel Platz. Bei mir zu Hause ist wenig Platz. Ich brauche ein Schaf. Zeichne mir ein Schaf.“ 
Also habe ich gezeichnet.

Das Männchen schaute aufmerksam zu, dann sagte es:
„Nein! Das ist schon sehr krank. Mach ein anderes.“ 
Ich zeichnete.

Mein Freund lächelte artig und mit Nachsicht:

„Du siehst wohl... das ist kein Schaf, das ist ein Widder. Es hat Hörner…“
Ich machte also meine Zeichnung noch einmal.
Aber sie wurde ebenso abgelehnt wie die vorigen:

„Das ist schon zu alt. Ich will ein Schaf, das lange lebt.“
Mir ging die Geduld aus, es war höchste Zeit, meinen Motor auszubauen,
so kritzelte ich diese Zeichnung da zusammen und knurrte dazu:
»Das ist die Kiste. Das Schaf, das du willst, steckt da drin.«

Und ich war höchst überrascht, als ich das Gesicht meines jungen Kritikers aufleuchten sah: 
„Das ist ganz so, wie ich es mir gewünscht habe. Meinst du, dass dieses Schaf viel Gras braucht?“
„Warum?“
„Weil bei mir zu Hause alles ganz klein ist…“
„Es wird bestimmt ausreichen. Ich habe dir ein ganz kleines Schaf geschenkt.“
Er neigte den Kopf über die Zeichnung: „Nicht so klein wie... Aber sieh nur! Es ist eingeschlafen…“

So machte ich die Bekanntschaft des kleinen Prinzen.


Kapitel III



Ich brauchte lange Zeit, um zu verstehen, woher er kam. Der kleine Prinz, der viele Fragen an mich richtete, schien die meinen nie zu hören. Zufällig aufgefangene Worte haben mir nach und nach sein Geheimnis
enthüllt. So fragte er, als er zum ersten Mal mein Flugzeug sah (ich werde mein Flugzeug nicht zeichnen, das ist eine viel zu komplizierte Sache für mich):
„Was ist das für ein Ding da?“
„Das ist kein Ding. Das fliegt. Das ist ein Flugzeug.“
Und ich war stolz, ihm sagen zu können, dass ich fliege. Da rief er:
„Wie! Du bist vom Himmel gefallen?“
„Ja“, sagte ich bescheiden.
„Ah! Das ist ja lustig…“
Und der kleine Prinz bekam einen ganz tollen Lachanfall, der mich ordentlich ärgerte. Ich legte Wert darauf, daß meine Unfälle ernst genommen werden. Er aber fuhr fort:
„Also auch du kommst vom Himmel! Von welchem Planeten bist du denn?“
Da ging mir ein Licht auf über das Geheimnis seiner Anwesenheit und ich fragte hastig:
„Du kommst also von einem anderen Planeten?“
Aber er antwortete nicht. Er schüttelte nur sanft den Kopf, indem er mein Flugzeug musterte:
„Freilich, auf dem Ding da kannst nicht allzu weit herkommen…“
Und er versank in eine Träumerei, die lange dauerte. Dann nahm er mein Schaf aus
der Tasche und vertiefte sich in den Anblick seines Schatzes.

Ihr könnt euch vorstellen, wie stark diese Andeutung über die »anderen Planeten« mich beunruhigen musste. Ich bemühte mich also, mehr zu erfahren:

„Woher kommst du, mein kleines Kerlchen? Wo bist du denn zu Hause? Wohin willst du mein Schaf mitnehmen?“ Er antwortete nach einem nachdenklichen Schweigen:
„Die Kiste, die du mir da geschenkt hast, hat das Gute, dass sie ihm nachts als Haus dienen kann.“
„Gewiss. Und wenn du brav bist, gebe ich dir auch einen Strick, um es tagsüber anzubinden. Und einen Pflock dazu.“
Dieser Vorschlag schien den kleinen Prinzen zu kränken:
„Anbinden? Was für eine komische Idee!“
„Aber wenn du es nicht anbindest, wird es doch weglaufen…“
Da brach meine Freund in ein neuerliches Gelächter aus:
„Aber wo soll es denn hinlaufen?“
„Irgendwohin. Geradeaus…“
Da versetzte der kleine Prinz ernsthaft:
„Das macht nichts aus, es ist so klein bei mir zu Hause!“
Und, vielleicht ein bisschen schwermütig, fügte er hinzu:
„Geradeaus kann man nicht sehr weit gehen…“



Kapitel IV


Ich hatte eine zweite sehr wichtige Sache erfahren: der Planet seiner Herkunft war kaum größer als ein Haus!
Das erschien mir gar nicht verwunderlich. Ich wusste ja, dass es außer den großen Planeten wie der Erde, dem
Jupiter, dem Mars, der Venus, denen man Namen gegeben hat, noch Hunderte von anderen gibt, die manchmal so klein sind, dass man Mühe hat, sie im Fernrohr zu sehen. Wenn ein Astronom einen von ihnen entdeckt, gibt er ihm statt des Namens eine Nummer.



Er nennt ihn zum Beispiel: Asteroid Nr. 3.251. Ich habe ernsthafte Gründe zu glauben, dass der Planet, von dem der kleine Prinz kam, der Asteroid B 612 ist. Dieser Planet ist nur ein einziges Mal im Jahre 1909 von einem türkischen Astronomen im Fernrohr gesehen worden. Er hatte damals beim internationalen Astronomen-Kongress einen großen Vortrag über seine Entdeckung gehalten.


Aber niemand hatte ihm geglaubt, und zwar ganz einfach seines Anzuges wegen. Die großen Leute sind so.
Zum Glück für den Ruf des Planeten B 612 befahl ein türkischer Diktator seinem Volk bei Todesstrafe, nur noch europäische Kleider zu tragen. Der Astronom wiederholte seinen Vortrag im Jahre 1920 in einem sehr eleganten Anzug. Und diesmal gaben sie ihm alle recht.


Wenn ich euch dieses nebensächliche Drum und Dran über den Planeten B 612 erzähle und euch sogar seine Nummer anvertraue, so geschieht das der großen Leute wegen. 
Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch: Wie alt ist er? Wie viele Brüder hat er? Wie viel wiegt er? Wie viel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie, ihn zu kennen. 
Wenn ihr zu den großen Leute sagt: Ich habe ein sehr schönes Haus mit roten Ziegeln gesehen, mit Geranien vor den Fenstern und Tauben auf dem Dach... dann sind sie nicht imstande, sich dieses Haus vorzustellen. 
Man muss ihnen sagen: Ich habe ein Haus gesehen, das hunderttausend Franken wert ist. 
Dann schreien sie gleich: Ach wie schön!
So auch, wenn ihr ihnen sagt: Der Beweis dafür, dass es den kleinen Prinzen wirklich gegeben hat, besteht darin, dass er entzückend war, dass er lachte und dass er ein Schaf haben wollte; denn wenn man sich ein Schaf wünscht, ist es doch ein Beweis dafür, dass man lebt, - dann werden sie die Achseln zucken und euch als Kinder behandeln. 
Aber wenn ihr ihnen sagt: der Planet, von dem er kam, ist der Planet B 612, dann werden sie überzeugt sein und euch mit ihren Fragen in Ruhe lassen. So sind sie. Man darf ihnen das auch nicht übel nehmen. Kinder müssen mit großen Leuten viel Nachsicht haben. Wir freilich, die wir wissen, was das Leben eigentlich ist, wir machen uns nur lustig über die albernen Zahlen. 


Viel lieber hätte ich diese Geschichte begonnen wie ein Märchen. 
Am liebsten hätte ich so angefangen: 
Es war einmal ein kleiner Prinz, der wohnte auf einem Planeten, der kaum größer war als er selbst, und er brauchte einen Freund... Für die, die das Leben richtig verstehen, würde das viel glaubwürdiger klingen.
Denn ich möchte nicht, dass man mein Buch leicht nimmt. Ich empfinde so viel Kummer beim Erzählen dieser Erinnerungen. Es ist nun schon sechs Jahre her, dass mein Freund mit seinem Schaf davongegangen ist. Wenn ich hier versuche, ihn zu beschreiben, so tue ich das, um ihn nicht zu vergessen. Nicht jeder hat einen Freund gehabt. Und ich könnte wie die großen Leute werden, die sich nur für Ziffern interessieren, deshalb habe ich mir schließlich auch einen Farbenkasten und Zeichenstifte gekauft.
Es ist schwer, sich in meinem Alter noch einmal mit dem Zeichnen einzulassen, wenn man seit seinem sechsten Lebensjahre nie andere Versuche gemacht hat als die mit einer geschlossenen und offenen Klapperschlange. Ich werde selbstverständlich versuchen, die Bilder so wirklichkeitsgetreu wie möglich zu machen. 
Aber ich bin nicht ganz sicher, ob es mir gelingen wird. 
Die eine Zeichnung geht, die andere ist schon nicht mehr ähnlich. Ich irre mich auch mitunter in den Maßen.
Da ist der kleine Prinz zu groß und da ist er zu klein. Auch die Farbe seiner Kleider macht mir Kummer. Dann probiere ich hin und her, so gut es eben geht. Ich werde mich vermutlich auch bei wichtigeren Einzelheiten irren.
Aber das muss man doch schon nachsehen. Mein Freund hat mir nie Erklärungen gegeben. Er glaubte wahrscheinlich, ich sei wie er. Aber ich bin leider nicht imstande, durch die Kistenbretter hindurch Schafe zu sehen. Ich gleiche doch wohl schon eher den großen Leuten. Ich musste ja im Laufe der Zeit älter werden.


Kapitel V

Jeden Tag erfuhr ich etwas Neues über den Planeten, über die Abreise und über die Fahrt. Das ergab sich ganz sachte im Laufe meiner Überlegungen. So lernte ich am dritten Tage die Tragödie der Affenbrotbäume kennen. Auch dies verdanke ich schließlich dem Schaf, denn unvermittelt fragte mich der kleine Prinz, als wäre er von einem schweren Zweifel geplagt:
»Es stimmt doch, dass Schafe Stauden fressen?«
»Ja, das stimmt.«
»Ach, da bin ich froh!« Ich verstand nicht, warum es so wichtig war, dass Schafe Stauden fressen. Aber der kleine Prinz fügte hinzu:
»Dann fressen sie doch auch Affenbrotbäume?« Ich erklärte dem kleinen Prinzen ausführlich, dass Affenbrotbäume doch keine Stauden sind, sondern kirchturmhohe
Bäume, und selbst wenn er eine ganze Herde Elefanten mitnähme, würde diese Herde nicht mit einem einzigen Affenbrotbaum fertig werden. Der Einfall mit den Elefanten brachte ihn zum Lachen.
»Man müsste sie übereinanderstellen...«

Aber dann bemerkte er klugerweise: »Bevor die Affenbrotbäume groß werden, fangen sie ja erst damit an, klein zu sein.«
»Das ist schon richtig. Aber warum
willst du, dass deine Schafe die kleinen
Affenbrotbäume fressen?«
Er antwortete: »Schon gut! Wir werden ja
sehen!« als ob es sich da um das klarste
Ding der Welt handelte.
Und ich musste meinen ganzen Verstand aufbieten, um der Sache auf den Grund zu kommen. In der Tat gab es auf dem Planeten des kleinen Prinzen wie auf allen Planeten gute Gewächse und schlechte Gewächse. Infolgedessen auch gute Samenkörner von guten Gewächsen und schlechte
Samenkörner von schlechten Gewächsen. Aber die Samen sind unsichtbar. Sie schlafen geheimnisvoll in der Erde, bis es einem von ihnen einfällt, aufzuwachen. Dann streckt er sich und treibt zuerst schüchtern einen entzückenden kleinen Spross zur Sonne, einen ganz harmlosen. Wenn es sich um einen Radieschen- oder Rosentrieb handelt, kann man ihn wachsen lassen, wie er will. Aber wenn es sich um eine schädliche Pflanze handelt, muss man die Pflanze beizeiten herausreißen, sobald man erkannt hat, was für eine es ist. Auf dem Planeten des kleinen Prinzen gab es fürchterliche Samen... und das waren die Samen der Affenbrotbäume. Der Boden des Planeten war voll davon. Aber einen Affenbrotbaum kann man, wenn man ihn zu spät angeht, nie mehr loswerden. Er bemächtigt sich des ganzen Planeten. Er durchdringt ihn mit seinen Wurzeln. Und wenn der Planet zu klein ist und die Affenbrotbäume zu zahlreich werden, sprengen sie ihn. »Es ist eine Frage der Disziplin«, sagte
mir später der kleine Prinz. »Wenn man seine Morgentoilette beendet hat, muss man sich ebenso sorgfältig an die Toilette des Planeten machen. Man muss sich regelmäßig dazu zwingen, die Sprösslinge der Affenbrotbäume auszureißen, sobald man sie von den Rosensträuchern unterscheiden kann, denen sie in der Jugend sehr ähnlich sehen. Das ist eine zwar langweilige, aber leichte Arbeit.«

Und eines Tages riet er mir, ich solle mich bemühen, eine schöne Zeichnung zustande zu bringen, damit es den Kindern bei mir daheim auch richtig in den Kopf gehe. »Wenn sie eines Tages auf die Reise gehen«, sagte er, »kann es ihnen zugute kommen. Zuweilen macht es ja wohl nichts aus, wenn man seine Arbeit auf später verschiebt. Aber wenn es sich um Affenbrotbäume handelt, führt das stets zur Katastrophe. Ich habe einen Planeten gekannt, den ein Faulpelz bewohnte. Er hatte drei Sträucher übersehen...«
Und so habe ich denn diesen Planeten nach den Angaben des kleinen Prinzen gezeichnet. Ich nehme nicht gerne den Tonfall eines Moralisten an. Aber die Gefährlichkeit der Affenbrotbäume ist so wenig bekannt, und die Gefahren, die jedem drohen, der sich auf einen Asteroiden verirrt, sind so beträchtlich, dass ich für dieses eine Mal aus meiner Zurückhaltung heraustrete. Ich sage: Kinder, Achtung! Die Affenbrotbäume!

Um meine Freunde auf eine Gefahr aufmerksam zu machen, die - unerkannt - ihnen wie mir seit langem droht, habe ich so viel an dieser Zeichnung gearbeitet. Die Lehre, die ich damit gebe, ist gewiss der Mühe wert. Ihr werdet euch vielleicht fragen: Warum enthält dieses Buch nicht noch andere, ebenso großartige Zeichnungen wie die Zeichnung von den Affenbrotbäumen ? Die Antwort ist sehr einfach: Ich habe wohl den Versuch gewagt, aber es ist mir nicht gelungen. Als ich die Affenbrotbäume zeichnete, war ich vom Gefühl der Dringlichkeit beseelt.

Kapitel VI

Ach, kleiner Prinz, so nach und nach habe ich dein kleines schwermütiges Leben verstanden. Lange Zeit hast du, um dich zu zerstreuen, nichts anderes gehabt als die Lieblichkeit der Sonnenuntergänge. Das erfuhr ich am Morgen des vierten Tages, als du mir sagtest: »Ich liebe Sonnenuntergänge sehr. Komm, lass uns einen Sonnenuntergang anschauen...«
»Da muss man noch warten...«
»Worauf denn warten?«
»Warten, bis die Sonne untergeht.«

Du hast zuerst ein sehr erstauntes Gesicht gemacht und dann über dich selber
gelacht. Und du hast zu mir gesagt: »Ich bilde mir immer ein, ich sei zu Hause!«
In der Tat. Wenn es in den Vereinigten Staaten Mittag ist, geht die Sonne, wie jedermann weiß, in Frankreich unter. Um dort einem Sonnenuntergang beizuwohnen, müsste man in einer Minute nach Frankreich fliegen können.
Unglücklicherweise ist Frankreich viel zu weit weg. Aber auf deinem so kleinen Planeten genügte es, den Sessel um einige Schritte weiterzurücken. Und du erlebtest die Dämmerung, so oft du es wünschtest...
»An einem Tag habe ich die Sonne dreiundvierzigmal untergehen sehn!« Und ein wenig später fügtest du hinzu:
»Du weißt doch, wenn man recht traurig ist, liebt man die Sonnenuntergänge...«
»Am Tage mit den dreiundvierzigmal warst du also besonders traurig?« Aber der kleine Prinz antwortete nicht.

Kapitel VII

Am fünften Tag war es wieder das Schaf, das ein Lebensgeheimnis des kleinen Prinzen enthüllen half. Er fragte mich unvermittelt, ohne Umschweife, als pflückte er die Frucht eines in langem Schweigen gereiften
Problems: »Wenn ein Schaf Sträucher frisst, so frisst es doch auch die Blumen?« »Ein Schaf frisst alles, was ihm vors Maul kommt.« »Auch die Blumen, die Dornen haben?«
»Ja. Auch die Blumen, die Dornen haben.«
»Wozu haben sie dann die Dornen?«
Ich wusste es nicht. Ich war gerade mit dem Versuch beschäftigt, einen zu streng angezogenen Bolzen meines Motors abzuschrauben. Ich war in großer Sorge, da mir meine Panne sehr bedenklich zu erscheinen begann, und ich machte mich aufs Schlimmste gefasst, weil das Trinkwasser zur Neige ging.

»Was für einen Zweck haben die Dornen?« Der kleine Prinz verzichtete niemals auf eine Frage, wenn er sie einmal gestellt hatte. Ich war völlig mit meinem Bolzen beschäftigt und antwortete aufs Geratewohl: »Die Dornen, die haben gar keinen Zweck, die Blumen lassen sie aus reiner Bosheit wachsen!«
»Oh!« Er schwieg.
Aber dann warf er mir in einer Art Verärgerung zu:
»Das glaube ich dir nicht! Die Blumen sind schwach. Sie sind arglos. Sie schützen sich, wie sie können. Sie bilden sich ein, dass sie mit Hilfe der Dornen gefährlich wären...«

Ich antwortete nichts und sagte mir im selben Augenblick: Wenn dieser Bolzen noch lange bockt, werde ich ihn mit einem Hammerschlag heraushauen müssen.
Der kleine Prinz störte meine Überlegungen von neuem:
»Und du glaubst, dass die Blumen...«
»Aber nein! Aber nein! Ich glaube nichts! Ich habe irgend etwas dahergeredet. Wie du siehst, beschäftige ich mich mit wichtigeren Dingen!«
Er schaute mich verdutzt an. »Mit wichtigeren Dingen!«
Er sah mich an, wie ich mich mit dem Hammer in der Hand und vom Schmieröl verschmutzten Händen über einen
Gegenstand beugte, der ihm ausgesprochen hässlich erscheinen musste.
»Du sprichst ja wie die großen Leute!«

Das beschämte mich. Er aber fügte unbarmherzig hinzu: »Du verwechselst alles, du bringst alles durcheinander!«
Er war wirklich sehr aufgebracht. Er schüttelte sein goldenes Haar im Wind.
»Ich kenne einen Planeten, auf dem ein purpurroter Herr haust. Er hat nie den Duft einer Blume geatmet. Er hat nie einen Stern angeschaut. Er hat nie jemanden geliebt. Er hat nie etwas anderes als Additionen gemacht. Und
den ganzen Tag wiederholt er wie du: Ich bin ein ernsthafter Mann! Ich bin ein ernsthafter Mann! Und das macht ihn ganz geschwollen vor Hochmut. Aber das ist kein Mensch, das ist ein Schwamm.« »Ein was?« »Ein Schwamm!«

Der kleine Prinz war jetzt ganz blass vor Zorn. »Es sind nun Millionen Jahre, dass die Blumen Dornen hervorbringen. Es sind Millionen Jahre, dass die Schafe trotzdem die Blumen fressen. Und du findest es unwichtig,
wenn man wissen möchte, warum sie sich so viel Mühe geben, Dornen hervorzubringen, die zu nichts Zweck haben? Dieser Kampf der Schafe mit den Blumen soll unwichtig sein? Weniger ernsthaft als die Additionen eines dicken, roten Mannes? Und wenn ich eine Blume kenne, die es in der ganzen Welt nur ein einziges Mal gibt, nirgends anders als auf meinem kleinen Planeten, und wenn ein kleines Schaf, ohne zu wissen, was es tut, diese Blume eines Morgens so mit einem einzigen Biss auslöschen kann, - das soll nicht wichtig sein?!«
Er wurde rot vor Erregung und fuhr fort: »Wenn einer eine Blume liebt, die es nur ein einziges Mal gibt auf allen Millionen und Millionen Sternen, dann genügt es ihm völlig, dass er zu ihnen hinaufschaut, um glücklich zu sein. Er sagt sich: Meine Blume ist da oben, irgendwo... Wenn aber das Schaf die Blume frisst, so ist es für ihn, als wären plötzlich alle Sterne ausgelöscht! Und das soll nicht wichtig sein?«

Er konnte nichts mehr sagen. Er brach plötzlich in Schluchzen aus. Die Nacht war hereingebrochen. Ich hatte mein Werkzeug weggelegt. Mein Hammer, mein Bolzen, der Durst und der Tod, alles war mir gleichgültig. Es galt auf einem Stern, einem Planeten, auf dem meinigen, hier auf der Erde, einen kleinen Prinzen zu trösten! Ich nahm ihn in die Arme. Ich wiegte ihn. Ich flüsterte ihm zu: »Die Blume, die du liebst, ist nicht in Gefahr... Ich werde ihm einen
Maulkorb zeichnen, deinem Schaf... Ich werde dir einen Zaun für deine Blume zeichnen... Ich...«

Ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte. Ich kam mir sehr ungeschickt vor. Ich wusste nicht, wie ich zu
ihm gelangen, wo ich ihn erreichen konnte. Es ist so geheimnisvoll, das Land der Tränen.


Kapitel VIII
Bald schon lernte ich diese Blume kennen. Es hatte schon immer auf dem Planeten des kleinen Prinzen Blumen gegeben, sehr einfache Blumen mit nur einem Kranz von Blütenblättern. Sie brauchten kaum Platz und störten niemanden. Sie erschienen eines Morgens im Gras und verschwanden am Abend wieder. Aber diese eine hatte eines Tages Wurzeln geschlagen aus einem Samen, der wer weiß woher gekommen war, und der kleine Prinz hatte diesen kleinen Sprössling, der ganz anders war als die anderen Sprösslinge, sehr genau beobachtet. Es konnte eine neue Art vom Affenbrotbaum sein. Aber bald schon hörte der Strauch zu wachsen auf und er begann, eine Blüte hervorzubringen. Der kleine Prinz spürte, während er die Entwicklung einer riesigen Knospe beobachtete, dass eine wunderbare Erscheinung aus ihr hervorgehen müsse. Aber die Blume wollte einfach nicht damit aufhören, sich vorzubereiten. Ihre Schönheit reifte geschützt in ihrer grünen Hülle. Sie wählte ihre Farben mit Bedacht. Sie kleidete sich langsam an, sie ordnete ihre Blütenblätter eins nach dem anderen. Sie wollte nicht so zerknittert aufgehen wie die Mondblumen. Sie wollte nur im vollen Glanz ihrer Schönheit erscheinen. Hey! Sie wollte hübsch sein! Ihre geheimnisvolle Toilette dauerte tagelang. Und eines Morgens, gerade bei Sonnenaufgang, enthüllte sie sich.

Und sie, die mit größter Präzision gearbeitet hatte, gähnte und sagte:

»Ah! Ich bin gerade aufgewacht … Es tut mir leid … Ich bin noch ziemlich zerzaust …«
Der kleine Prinz konnte seine Bewunderung gar nicht mehr zurückhalten:

»Wie schön du bist!«
»Nicht wahr«, erwiderte die Blume leise. »Und ich bin zur gleichen Zeit geboren wie die Sonne …«

Der kleine Prinz merkte sofort, dass sie nicht besonders bescheiden war, aber sie war so faszinierend!

»Ich glaube, es ist Zeit für das Frühstück«, nahm sie das Gespräch wieder auf, »hätten Sie die Güte, an mich zu denken …«
Da errötete der kleine Prinz, holte frisches Wasser und goss die Blume.

So quälte sie ihn recht bald mit ihrer etwas zerbrechlichen Eitelkeit. Eines Tages zum Beispiel sprach sie von ihren vier Dornen und sagte zum kleinen Prinzen:

»Sie können ruhig kommen, die Tiger, mit ihren Krallen!«
»Es gibt keine Tiger auf meinem Planeten«, entgegnete der kleine Prinz, »denn Tiger fressen kein Gras.«
»Ich bin kein Gras«, erwiderte hierauf die Blume in süßem Ton.
»Verzeihen Sie mir …«

»Vor Tigern habe ich keine Angst, aber mir graut es vor der Zugluft. Besitzen Sie denn keinen Wandschirm?«
»Angst vor Zugluft? … Das ist nicht besonders glücklich für eine Pflanze«, dachte der kleine Prinz. »Diese Blume ist sehr anspruchsvoll…«

»In der Nacht müssen sie mich schützen. Es ist sehr kalt bei Ihnen zu Hause. Es ist nicht richtig eingestellt. Da, wo ich herkomme …«
Da unterbrach sie sich. Sie erschien in Form eines Samenkorns. Sie hatte nichts von anderen Welten wissen können. Gedemütigt, dass sie bei einer so einfachen Lüge ertappt worden war, hustete sie zwei oder drei Mal, um den kleinen Prinzen ins Unrecht zu setzen:
»Der Wandschirm …?«
»Ich wollte ihn gerade herholen, aber sie sprachen noch mit mir!«
Dann zwang sie sich erneut zu einem Husten und wollte ihm damit Gewissenbisse einreden.

Trotz seiner aufrichtigen Liebe begann der kleine Prinz bald damit, an ihr zu zweifeln. Er hatte ihre belanglosen Worte ernst genommen und war sehr unglücklich darüber geworden. »Ich hätte nicht auf sie hören sollen«, erzählte er mir eines Tages. »Man sollte den Blumen nie zuhören. Wir müssen sie betrachten und ihren Duft einatmen. Meine Blume erfüllte meinen ganzen Planeten mit ihrem Duft, aber ich wurde nicht glücklich darüber. Diese Geschichte von den Krallen, die mich so sehr reizte, hätte mich mehr berühren sollen …«

Er sagte zu mir: »Ich war damals nicht in der Lage, das zu begreifen! Ich hätte sie nach ihren Taten und nicht nach ihren Worten beurteilen sollen. Sie duftete und erglühte für mich. Ich hätte niemals fortgehen dürfen! Ich hätte hinter ihren armen kleinen Tricks ihre Zuneigung erraten sollen. Blumen sind voller Widersprüche! Aber ich war zu jung, um zu wissen, dass ich sie liebe.«

Kapitel IX
Ich glaube, er benutzte für seine Flucht einen Zug wilder Vögel. Am Morgen seiner Abreise brachte er seinen Planeten noch in Ordnung. Sorgfältig reinigte er die aktiven Vulkane. Er besaß zwei aktive Vulkane. Das war sehr praktisch fürs Kochen zum Frühstück. Er hatte auch einen erloschenen Vulkan. Aber er sagte sich: »Man kann nie wissen!« Und so fegte er auch den erloschenen Vulkan. Wenn sie gut gefegt werden, brennen die Vulkane sanft und gleichmäßig, ohne jemals auszubrechen. Vulkanausbrüche sind wie Kaminfeuer. Wir auf unserem Planeten sind ganz offensichtlich viel zu klein, um unsere Vulkane fegen zu können. Darum bereiten sie uns auch so viel Ärger.

Mit ein wenig Schwermut riss der kleine Prinz die letzten Triebe eines Affenbrotbaumes aus. Er glaubte, er würde nie wieder zurückkehren. Aber alle diese alltäglichen Arbeiten erschienen ihm an diesem Morgen ganz besonders verlockend. Und als er die Blume zum letzten Mal goss und er sie zum Schutz unter eine Glasglocke stellen wollte, entdeckte er in sich den Drang zu weinen.
»Lebe wohl«, sagte er zu der Blume.
Aber sie antwortete nicht.
»Lebe wohl«, wiederholte er.
Die Blume hustete. Aber es war nicht wegen ihrer Erkältung.
»Ich war dumm«, sagte sie schließlich. »Verzeihe mir bitte. Versuche, glücklich zu sein.«
Es überraschte ihn, dass sie ihm keine Vorwürfe machte. Ganz verwirrt stand er mit der Glasglocke da. Doch diese stille Sanftmut verstand er nicht.

»Ja, ich liebe dich«, sagte die Blume. »Du konntest es nicht wissen, das ist meine Schuld. Es spielt keine Rolle. Aber du warst genauso dumm wie ich. Versuche, glücklich zu sein … Lass‘ die Glaskugel. Ich will sie nicht mehr.«
»Aber der Wind …«
»Ich bin nicht so stark erkältet, dass … Die kühle Nachtluft wird mir gut tun. Ich bin eine Blume.«
»Aber die Tiere …«
»Ich werde wohl zwei oder drei Raupen aushalten müssen, um die Schmetterlinge kennenzulernen. Das wird wohl sehr schön werden. Wer würde mich sonst besuchen? Du wirst weit weg sein. Vor den großen Tieren fürchte ich mich nicht. Ich habe meine Krallen.«
Ganz einfältig zeigte sie ihre vier Dornen. Dann fügte sie hinzu:
»Mach‘ es nicht so lang, das ist fürchterlich. Du hast dich entschieden zu gehen. Also geh‘!«
Sie wollte nicht, dass er sie weinen sieht. Sie war eine sehr stolze Blume.

Kapitel X
Es war in der Nähe der Asteroiden 325, 326, 327, 328, 329 und 330. Er begann damit, sie zu besuchen. Er wollte sich beschäftigen und etwas lernen.
Den ersten bewohnte ein König. Der König saß, ganz in Purpur und Hermelin gekleidet, auf einem sehr einfachen, aber majestätischen Thron.
»Ah! Da ist ja ein Untertan«, sagte der König, als er den kleinen Prinzen zu Gesicht bekam.
Der kleine Prinz fragte sich: »Wie kann er mich kennen, wenn er mich doch noch nie gesehen hat?« Er wusste nicht, dass die Welt für die Könige sehr einfach ist und alle Menschen Untertanen für sie sind.

»Komm näher, dass ich dich besser sehen kann«, sagte der König stolz darauf, dass er für jemanden König sein konnte.
Der kleine Prinz sah sich nach einem Sitzplatz um, doch der ganze Planet wurde von dem herrlichen Hermelinmantel bedeckt. So blieb er stehen, und weil er müde war, gähnte er.
»Es ist ein grober Verstoß gegen die Etikette, in der Gegenwart eines Königs zu gähnen«, sagte der Monarch. »Ich verbiete es dir.«
»Ich kann aber nicht anders«, entgegnete der kleine Prinz ganz verwirrt. »Ich hatte eine lange Reise und habe nicht geschlafen …«
»Ich befehle dir zu gähnen«, sagte da der König. »Seit Jahren habe ich niemanden gähnen gesehen. Gähnen ist eine Rarität für mich. Mach schon! Gähne noch einmal. Das ist ein Befehl!«
»Das macht mir Angst … Ich kann nicht«, sagte der kleine Prinz und wurde rot.
»Hum! Hum!«, erwiderte der König. »Dann sei es … Ich befehle dir, bald zu gähnen und manchmal …«
Er murmelte ein bisschen und schien verärgert zu sein. Denn der König war in hohem Maße darauf bedacht, dass seine Autorität respektiert würde. Er duldete keinen Ungehorsam. Er war ein absoluter Monarch. Aber er war sehr gütig und gab vernünftige Befehle. »Wenn ich befehle«, sagte er gewöhnlich, »wenn ich einem General befehle, sich in einen Seevogel zu verwandeln, und wenn der General nicht gehorcht, wäre es nicht die Schuld des Generals. Es wäre meine Schuld.«

»Darf ich mich setzen?«, fragte der kleine Prinz zaghaft.
»Ich befehle dir, dies zu tun«, antwortete der König und zog majestätisch eine Falte seines Hermelinmantels an sich heran.
Der kleine Prinz aber staunte. Der Planet war winzig. Was konnte der König wohl hierauf beherrschen?
»Majestät«, sagte er. »Entschuldigt mich, dass ich Euch frage …«
»Ich befehle dir, mich zu fragen«, warf der König schnell ein.
»Majestät … über was herrscht Ihr?«
»Über alles«, sagte der König mit großer Klarheit.
»Über alles?«
Der König machte eine bedeutsame Geste auf seinen eigenen Planeten, auf andere Planeten und auf die Sterne.
»Über dies alles?«, fragte der kleine Prinz.
»Über dies alles …«, antwortete der König.
Denn er war nicht nur ein absoluter Monarch, er war auch ein universeller Monarch.

»Und die Sterne gehorchen Euch?«
»Natürlich«, sagte der König. »Sie gehorchen sofort. Ich toleriere keinen Ungehorsam.«
Solche Macht erstaunte den kleinen Prinzen sehr. Wenn er solche Macht gehabt hätte, wäre er in der Lage, nicht vierundvierzig, sondern gleich zweiundsiebzig oder sogar hundert oder selbst zweihundert Sonnenuntergänge an einem Tag zu erleben, ohne jemals seinen Stuhl dabei zu verrücken! Und so machte ihn die Erinnerung an seinen kleinen verlassenen Planeten ein bisschen traurig und in dieser Stimmung fühle er sich ermutigt, den König um Gnade zu bitten:
»Ich möchte so gern einen Sonnenuntergang sehen … Tut mir bitten einen Gefallen … Befehlt der Sonne unterzugehen …«
»Wenn ich einem General befehle, von einer Blume zur anderen wie ein Schmetterling zu fliegen oder eine Tragödie zu schreiben oder sich in einen Seevogel zu verwandeln, und wenn der General den Befehl nicht ausführt, wer trüge daran die Schuld, er oder ich?«
»Das würdet Ihr sein«, sagte der kleine Prinz entschlossen.
»Richtig. Wir müssen von jedem fordern, was er leisten kann«, sagte der König. »Autorität beruht in erster Linie auf der Vernunft. Wenn du deinen Leuten befiehlst, sich ins Meer zu stürzen, werden sie sich auflehnen. Ich habe das Recht, Gehorsam zu fordern, weil meine Befehle vernünftig sind.«
»Was wird also mit meinem Sonnenuntergang?«, erinnerte der kleine Prinz, der niemals eine Frage vergaß, wenn er sie einmal gefragt hatte.
»Du sollst deinen Sonnenuntergang haben. Ich werde ihn gebieten. Aber ich werde in meiner Gelehrsamkeit als Herrscher warten, bis die Voraussetzungen hierfür günstig sind.«
»Wann wird dies der Fall sein?«, wollte der kleine Prinz wissen.
»Hem! Hem!«, antwortete der König und studierte dabei einen großen Kalender. »Hem! Hem! Das wird sein … etwa … es wird heute Abend etwa zwanzig vor acht sein! Dann kannst du sehen, wie mir gehorcht wird.«
Der kleine Prinz gähnte. Es tat ihm Leid um den versäumten Sonnenuntergang. Und er langweilte sich schon ein wenig:

»Ich habe nichts mehr zu tun hier«, sagte er dem König. »Ich reise ab!«
»Bleibe«, sagte der König, der stolz darauf war, einen Untertanen zu haben. »Gehe nicht, ich mache dich zum Minister!«
»Minister für was?«
»Der … der Gerechtigkeit!«
»Aber es ist niemand hier, über den man richten könnte!«
»Das wissen wir nicht«, entgegnete der König. »Ich habe noch nie eine Reise durch mein Königreich gemacht. Ich bin sehr alt, ich habe keinen Platz für eine Kutsche, und gehen macht mich müde.«
»Oh! Aber ich habe schon nachgesehen«, sagte der kleine Prinz und drehte sich um, um noch einen weiteren Blick auf die andere Seite des Planeten zu werfen. »Es ist niemand da drüben …«
»Du musst also über dich selbst richten«, antwortete der König. »Das ist das Schwerste. Es ist viel schwerer, über sich selbst zu richten, als über andere zu urteilen. Wenn du es schaffst, über dich selbst gerecht zu werden, dann bist du ein wahrer Weiser.«
»Ich«, sagte der kleine Prinz, »ich kann über mich richten, egal, wo ich mich befinde. Ich muss nicht hier bleiben.«
»Hem! Hem!«, sagte der König. »Ich glaube, auf meinem Planeten gibt es irgendwo eine Ratte. Ich höre sie in der Nacht. Du könntest über diese alte Ratte richten. Du kannst sie von Zeit zu Zeit zu Tode verurteilen. So wird ihr Leben von deiner Gerechtigkeit abhängig. Aber du wirst sie jedes Mal begnadigen müssen, damit sie erhalten bleibt. Es gibt nur eine.«
»Ich«, antwortete der kleine Prinz, »ich möchte niemanden zu Tode verurteilen, und ich glaube, ich gehe jetzt.«
»Nein«, sagte der König.
Der kleine Prinz hatte seine Vorkehrungen bereits getroffen, doch er wollte dem alten Monarchen nicht wehtun:

»Wenn Eure Majestät Wert auf pünktlichen Gehorsam legen, könntet Ihr mir einen vernünftigen Befehl erteilen. Ihr könntet mir zum Beispiel befehlen, dass ich Euch in einer Minute verlassen soll. Mir scheint, dass die Bedingungen hierfür günstig sind …«
Der König schwieg und der kleine Prinz zögerte zunächst, dann brach er mit einem Seufzer auf.
»Ich mache dich zu meinem Gesandten«, rief der König ihm eilig nach.
So wahrte er sich einen großen Anschein von Autorität.

»Die großen Leute sind sehr sonderbar«, dachte der kleine Prinz auf seiner Reise.

Zuletzt editiert am: 26.07.2020 22:41, von: Saskia


Saskia
Teamerin
Beratung4Kids
Saskia Teamer(-in) 26.03.2020 18:45

Ihr Lieben!

Eine neue Geschichte aus unserer letzten Gut-Tue-Zeit. Eine Geschichte über Gefühle und wie wichtig sie für uns sind.

Bis bald!
Saskia

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit
Inge Wuthe

Es war eine kleine alte Frau, die bei der zusammengekauerten Gestalt am Straßenrand stehen blieb. Das heißt, die Gestalt war eher körperlos, erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.

"Wer bist du?" fragte die kleine Frau neugierig und bückte sich ein wenig hinunter.
Zwei lichtlose Augen blickten müde auf.
"Ich ... ich bin die Traurigkeit", flüsterte eine Stimme so leise, dass die kleine Frau Mühe hatte, sie zu verstehen.
"Ach, die Traurigkeit", rief sie erfreut aus, fast als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
"Kennst du mich denn?", fragte die Traurigkeit misstrauisch.
"Natürlich kenne ich dich", antwortete die alte Frau, "immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet."
"Ja, aber ..." argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du nicht vor mir, hast du denn keine Angst?"
"Oh, warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selber nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst und dich so nicht vertreiben lässt.
Aber, was ich dich fragen will, was ist mit dir?"
"Ich ... ich bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.

Die kleine alte Frau setzte sich jetzt auch an den Straßenrand. "So, traurig bist du", wiederholte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf.
"Magst du mir erzählen, warum du so bekümmert bist?"
Die Traurigkeit seufzte tief auf. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie vergebens versucht und ...
"Ach, weißt du", begann sie zögernd und tief verwundert, "es ist so, dass mich offensichtlich niemand mag.
Es ist meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger.
Aber fast alle reagieren so, als wäre ich die Pest. Sie haben so viele Mechanismen für sich entwickelt, meine Anwesenheit zu leugnen."
"Da hast du sicher Recht", warf die alte Frau ein. "Aber erzähle mir ein wenig davon."

Die Traurigkeit fuhr fort: "Sie haben Sätze erfunden, an deren Schutzschild ich abprallen soll.
Sie sagen: "Papperlapapp - das Leben ist heiter", und ihr falsches Lachen macht ihnen Magengeschwüre und Atemnot.
Sie sagen: "Gelobt sei, was hart macht", und dann haben sie Herzschmerzen.
Sie sagen: "Man muss sich nur zusammenreißen" und spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.
Sie sagen "Weinen ist nur was für Schwächlinge", und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe."

"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir oft in meinem Leben begegnet. Aber eigentlich willst du ihnen ja mit deiner Anwesenheit helfen, nicht wahr?"
Die Traurigkeit kroch noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Ja, das will ich", sagte sie schlicht, "aber helfen kann ich nur, wenn die Menschen mich zulassen.
Weißt du, indem ich versuche, ihnen ein Stück Raum zu schaffen zwischen sich und der Welt, eine Spanne Zeit, um sich selbst zu begegnen, will ich ihnen ein Nest bauen, in das sie sich fallen lassen können, um ihre Wunden zu pflegen.
Wer traurig ist, ist ganz dünnhäutig und damit nahe bei sich.
Diese Begegnung kann sehr schmerzvoll sein, weil manches Leid durch die Erinnerung wieder aufbricht wie eine schlecht verheilte Wunde.
Aber nur, wer den Schmerz zulässt, wer erlebtes Leid betrauern kann, wer das Kind in sich aufspürt und all die verschluckten Tränen leerweinen lässt, wer sich Mitgefühl für die inneren Verletzungen zugesteht, der, verstehst du, nur der hat die Chance, dass seine Wunden wirklich heilen.
Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über die groben Narben. Oder verhärten sich mit einem Panzer aus Bitterkeit."

Jetzt schwieg die Traurigkeit, und ihr Weinen war tief und verzweifelt.
Die kleine alte Frau nahm die zusammengekauerte Gestalt tröstend in den Arm.
"Wie weich und sanft sie sich anfühlt", dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.
"Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst.
Ich weiß, dass dich viele Menschen ablehnen und verleugnen. Aber ich weiß auch, dass schon einige bereit sind für dich.
Und glaube mir, es werden immer mehr, die begreifen, dass du ihnen Befreiung ermöglichst aus ihren inneren Gefängnissen.
Von nun an werde ich dich begleiten, damit die Mutlosigkeit keine Macht gewinnt."

Die Traurigkeit hatte also aufgehört zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete verwundert ihre Gefährtin.
"Aber jetzt sage mir, wer bist du eigentlich?"
"Ich", antwortete die kleine alte Frau und lächelte still.
"Ich bin die Hoffnung!"

Saskia
Teamerin
Beratung4Kids
Saskia Teamer(-in) 30.03.2020 16:51

Hallo ihr Lieben!

Unsere neue Geschichte aus der Gut-Tue-Zeit über die kleine Barbara und die Fee. Die Weisheit dieser Geschichte, dass es keinen Grund gibt, nicht an euch zu glauben, möge euch auf euren Wegen begleiten *Glücklich*

Wenn ich mir etwas wünschen könnte
Franz Hohler und Rotraut Susanne Berner

Die kleine Barbara war unzufrieden.
Sie ging nun das zweite Jahr zur Schule und alles, was wichtig war, konnte sie nicht gut.
Sie konnte nicht gut rechnen, sie konnte nicht gut lesen, sie konnte nicht gut schreiben.
Und sie konnte nicht einmal das, was weniger wichtig war:
Im Turnen war sie langsam, jedes Haus das sie zeichnete, war schief, und jeder Ton, den sie sang, war falsch. Sie schaute auch nicht gern in den Spiegel, denn die anderen Mädchen waren alle viel schöner als sie und hatten auch alle viel mehr Freundinnen. Eigentlich hatte sie überhaupt keine Freundin und wenn die Buben miteinander tuschelten, dann immer über die anderen Mädchen.
Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dachte Barbara manchmal, dann möchte ich aussehen wie eine Prinzessin und in der Schule die Beste sein.

Und plötzlich hatte die kleine Barbara großes Glück. Als sie einmal nachts erwachte und das Nachttischlämpchen anzünden wollte, war dort, wo sonst das Lämpchen war, eine kleine Fee. Sie war fast durchsichtig, hatte warte Flügel und leuchtete von innen heraus. Erschrocken setzte sich Barbara auf und hielt sich an der Bettdecke fest.
"Wer bist du?", fragte sie schließlich.
"Ich bin eine Fee", sagte die Fee, "und du darfst dir etwas wünschen."
"Oh!", rief Barbara freudig. "Ich will..."
"Überleg es dir gut", sagte die Fee.
Aber Barbara brauchte nicht lange zu überlegen.
"Ich möchte blaue Schuhe", sagte sie.

Heute hatte ihr nämlich ihre Mutter neue Schuhe gekauft, aber nicht die blauen, die sie gerne gehabt hätte, sondern ganz gewöhnliche braune. Barbara war so enttäuscht gewesen, dass sie den Karton zuhause gar nicht aufgemacht hatte.
"Wie du willst", sagte die Fee und verschwand, und Barbara war so aufgeregt, dass sie lange nicht wieder einschlafen konnte.
Am anderen Morgen öffnete sie als Erstes den Karton, und siehe da, es war ein wunderschönes Paar blaue Schuhe darin.
"Da muss sich die Verkäuferin getäuscht haben", sagte die Mutter, aber dann durfte Barbara die Schuhe trotzdem behalten.

In der Schule verstand sie schon wieder nicht, wieso die anderen so schnell zusammenzählen konnten, und Barbara ärgerte sich.
Warum, dachte sie, habe ich mir von der Fee nicht gewünscht, dass ich in der Schule die Beste bin?
Aber als sie in der Pause Paarfangen spielten, rannte sie in ihren blauen Schuhen so schnell, dass Erich, der schnellste Läufer, zu ihr kam und sie fragte, ob sie mit ihm zusammen rennen wolle, und die beiden waren auf dem ganzen Pausenplatz nicht zu schlagen.
Barbara freute sich darüber, doch als sie nachher in der Deutschstunde einen Satz vorlesen musste las sie statt Kartoffel Pantoffel.
Die ganze Klasse lachte und sie dachte wieder, wie dumm es gewesen war, sich nur blaue Schuhe zu wünschen, wenn schon einmal eine Fee zu Besuch kam.

Aber immer wenn Barbara die blauen Schuhe an den Füßen trug, konnte sie so schnell rennen wie sonst fast niemand, und Erich wartete nun manchmal nach der Schule auf sie, weil sie ein Stück weit den gleichen Heimweg hatten. Das gefiel Barbara, und nach und nach vergaß sie, woher ihre blauen Schuhe gekommen waren.....

Wie groß war deshalb ihre Überraschung, als sie eines Nachts erwachte und statt ihres Lämpchens die kleine Fee auf dem Nachttischchen stand.
"Oh, wie schön, dass du wieder kommst!" rief Barbara.
"Ja", sagte die Fee "und du darfst dir auch etwas wünschen."
"Ich weiß schon, was", sagte Barbara hastig, "ich will..."
"Überleg es dir gut", sagte die Fee.
"Ich will einen roten Kugelschreiber!", rief Barbara.

Heute hatte ihr nämlich ihre Mutter einen neuen Kugelschreiber gekauft, aber nicht den roten, den sie gern gehabt hätte, sondern einen ganz gewöhnlichen schwarzen. Barbara war so enttäuscht gewesen, dass sie ihn noch gar nicht ausgepackt hatte. "Wie du willst", sagte die Fee und verschwand.
Wieder war Barbara so aufgeregt, dass sie lange nicht mehr einschlafen konnte.
Am anderen Morgen griff sie in die Papiertüte des Schreibwarengeschäfts, und siehe da, es war ein wunderbarer roter Kugelschreiber darin.
"Da muss sich die Verkäuferin getäuscht haben", sagte die Mutter, aber schließlich durfte Barbara den Kugelschreiber trotzdem behalten.

In der Schule rechneten die anderen wieder viel zu schnell und Barbara ärgerte sich, dass sie sich von der Tee nicht gewünscht hatte, die Beste der Klasse zu sein.
Als sie aber nachher mit dem Kugelschreiber drei Sätze aus dem Lesebuch abschreiben musste, ging es so leicht wie noch nie.
Bald war Barbara fertig. Sie hatte keinen einzigen Fehler gemacht und ihre Schrift war kaum wieder zu erkennen, so schön war sie.
Die Lehrerin lobte sie, und Barbara war ganz stolz. Sie wusste gar nicht, warum ihr das Schreiben vorher so schwer gefallen war. Von jetzt an schrieb sie nur noch mit dem roten Kugelschreiber und sie machte keine Fehler.
Seit sie ihrer Sitznachbarin Anna bei einem Diktat zugeflüstert hatte, dass man "Nahme" ohne h schreibt, wartete auch Anna nach der Schule auf sie.

Dann gingen sie ein Stück weit zu dritt, Erich, Anna und Barbara. Weil Barbara gut schreiben konnte, konnte sie bald auch gut lesen, und nach und nach vergaß sie, woher ihr roter Kugelschreiber gekommen war.....

Sie konnte es deshalb fast nicht glauben, als sie eines Nachts erwachte und dort, wo sonst das Nachttischlämpchen stand, die kleine Fee sah.
"Oh, wie schön, ich dachte schon, du kamst nicht mehr!", rief Barbara.
"Heute komm ich zum letzten Mal", sagte die Fee.
"Überleg dir also gut, was du dir wünschen willst."
"Ich weiß es, ich weiß es", sagte Barbara schnell, "ich will..."
"Na?", sagte die Fee. "Denk daran, der dritte Wunsch ist der letzte."
Jetzt hielt Barbara einen Moment inne und dachte darüber nach, was es war, dass sie sich immer gewünscht hatte.
Aber so sehr sie auch nachdachte, es kam ihr nichts anderes in den Sinn als etwas, das sie heute in einem Schaufenster gesehen hatte.
"Ich möchte einen Papagei!", sagte sie.
"Wie du willst," sagte die Fee mit einem leisen Seufzer. "Viel Glück und alles Gute!" - Und weg war sie.
Barbara war so aufgeregt, dass es fast Morgen wurde, bis sie einschlief.

Am Morgen früh klingelte es un der Postbote stand mit einem riesigen Paket vor der Wohnungstür. An einigen Stellen hatte es kleine Löcher.
"Wohnt hier Barbara?", fragte er.
"Ja!", rief Barbara, "ja, ich wohne hier!"
"Für dich", sagte der Postbote, "Express", stellte das Paket in den Flur und ging wieder die Treppe hinunter.

"Die Siegerin des Wettbewerbs" stand auf einem großen Zettel. Mit der Mutter zusammen riss Barbara das Packpapier auf und darunter kam ein Vogelkäfig zum Vorschein, in dem ein wunderschöner Papagei mit roten, blauen und gelben Flügeln saß.
"Guten Morgen, ihr Schönen!", sagte er zu Barbara und ihrer Mutter und dann sang er mit schmetternder Stimme.
"Wachet auf, wachet auf, es krähte der Hahn!"
Die Mutter schüttelte den Kopf. "Was war das für ein Wettbewerb?", fragte sie, und als Barbara nicht gleich antwortete, rief der Papagei:
"Ein Zeichenwettbewerb!"
"Was denn für ein Zeichenwettbewerb?", fragte die Mutter weiter. Sie konnte sich immer noch nicht erholen.
Zum Glück wusste der Papagei auch hier Bescheid und sagte sogleich:
"Er hieß: Male dein Lieblingstier. Und hier bin ich."
"Aber Barbara", sagte die Mutter, "wir können doch keinen Papagei als Haustier haben."
"Warum nicht?", fragten Barbara und der Papagei gleichzeitig.
Und der Papagei fügte hinzu: "Mir gefällt es bei euch."
Als die Mutter nichts sagte, setzte er noch obendrauf: "Ich heiße Karl", und schaute sie mit schräg geneigtem Kopf von oben bis unten an.
Die Mutter atmete tief durch. "Also gut", sagte sie dann.
Barbara und der Papagei jubelten, Barbara stellte den Käfig auf das Tischchen neben der Garderobe und Karl sang sofort: "Mein Hut der hat drei Ecken...!"

Seltsamerweise war das genau das Lied, das sie heute in der Schule singen mussten, und die Lehrerin wunderte sich sehr, als es Barbara ohne Fehler vorsingen konnte.
"Woher kannst du plötzlich so gut singen?", fragte sie und Barbara erzählte von ihrem neuen Haustier.
Alle baten sie, den Papagei in die Schule mitzubringen, und am nachten Tag holten sie Anna und Erich zu Hause ab und halfen ihr, den Käfig in die Schule zu tragen.
Dort sang der Papagei: "Ein Männlein steht im Walde", und als die Kinder nicht aufhörten zu klatschen, sang er als Zugabe: "Alle Vögel sind schon da", und die ganze Klasse sang mit.
Und so lernte Barbara von ihrem Papagei Karl bald die verschiedensten Lieder und sie sang sie so schön und fehlerlos und hatte überhaupt keine Mühe, die richtigen Töne zu treffen.

Einmal im Monat durfte sie ihn in die Schule mitnehmen und alle freuten sich schon im Voraus darauf. Jedes Mal durften andere Kinder Karl in seinem Käfig abholen und nach und nach befreundete sich Barbara mit allen, die mit ihr zur Schule gingen.....

Auch die Mutter gewann den Papagei lieb. Es gefiel ihr, wenn er sie und ihr Mädchen jeden Tag mit seinem "Guten Morgen, ihr Schönen!" begrüßte und dann ein Lied schmetterte.
Und tatsächlich wurden Mutter und Tochter immer schöner. Barbara wurde älter und es dauerte eine Weile, bis ihr auffiel, dass sie nicht mehr unzufrieden war. Sie schaute jetzt gern in den Spiegel. Ihren roten Kugelschreiber hatte sie Anna geschenkt, als sie gemerkt hatte, dass sie auch mit einem anderen Kugelschreiber keine Fehler mehr machte.
Ihre blauen Schuhe waren ihr zu klein geworden, aber sie rannte in den anderen Schuhen genauso schnell.
Nur rechnen konnte sie immer noch nicht so gut, aber alles kann man nicht haben.

Saskia
Teamerin
Beratung4Kids
Saskia Teamer(-in) 12.07.2020 22:14

DIE KLEINE HEXE
Otfried Preussler

Die kleine Hexe hat Ärger
Es war einmal eine kleine Hexe, die war erst einhundertsiebenundzwanzig Jahre alt und das ist für eine Hexe noch gar kein Alter. Sie wohnte in einem Hexenhaus, das stand einsam im tiefen Wald. Weil es nur einer kleinen Hexe gehörte, war auch das Hexenhaus nicht besonders groß.
Der kleinen Hexe genügte es aber, sie hätte sich gar kein schöneres Hexenhaus wünschen können. Es hatte ein wundervoll windschiefes Dach, einen krummen Schornstein und klapprige Fensterläden. Hinten hinaus war ein Backofen angebaut. Der durfte nun einmal nicht fehlen. Ein Hexenhaus ohne Backofen wäre kein richtiges Hexenhaus.
Die kleine Hexe besaß einen Raben, der sprechen konnte. Das war ein Rabe Abraxas. Er konnte nicht nur „Guten Morgen!“ und „Guten Abend!“ krächzen, wie ein gewöhnlicher Rabe, der sprechen gelernt hat, sondern auch alles andere. Die kleine Hexe hielt große Stücke auf ihn, weil er ein ausnehmend weiser Rabe war, der ihr in allen Dingen die Meinung sagte und nie ein Blatt vor den Schnabel nahm.
Etwa sechs Stunden am Tage verbrachte die kleine Hexe damit, sich im Hexen zu üben. Das Hexen ist keine einfache Sache. Wer es im Hexen zu etwas bringen will, darf nicht faul sein. Er muss zuerst alle kleineren Hexenkunststücke lernen - und später die großen. Seite für Seite muss er das Hexenbuch durchstudieren und keine einzige Aufgabe darf er dabei überspringen.
Die kleine Hexe war erst auf Seite zweihundertdreizehn des Hexenbuches. Sie übte gerade das Regenmachen. Sie saß auf der Bank vor dem Backofen, hatte das Hexenbuch auf den Knien liegen und hexte. Der Rabe Abraxas saß neben ihr und war unzufrieden. „Du sollst einen Regen machen“, krächzte er vorwurfsvoll, „und was hexst du? Beim ersten Mal lässt du es weiße Mäuse regnen, beim zweiten Mal Frösche, beim dritten Mal Tannenzapfen! Ich bin ja gespannt, ob du wenigstens jetzt einen richtigen Regen zustande bringen!“
Da versuchte die kleine Hexe zum vierten Mal, einen Regen zu machen. Sie ließ eine Wolke am Himmel aufsteigen, winkte sie näher und rief, als die Wolke genau über ihnen stand: „Regne!“
Die Wolke riss auf und es regnete - Buttermilch. „Buttermilch!“, kreischte Abraxas. „Mir scheint, du bist völlständig übergeschnappt! Was willst du denn noch alles regnen lassen? Wäscheklammern vielleicht? Oder Schusternägel? Wenn es dich wenigstens Brotkrümel oder Rosinen wären!“
„Ich muss mich beim Hexen versprochen haben“, sagte die kleine Hexe. Früher war ihr auch schon dann und wann etwas daneben gegangen. Aber gleich viermal hintereinander?
„Versprochen haben!“, krächzte der Rabe Abraxas. „Ich werde dir sagen, woran es liegt. Zerstreut bist du! Wenn man beim Hexen an alles Mögliche andere denkt, muss man sich ja verhexen! Du solltest eben ein bisschen mehr bei der Sache sein!“ „Findest du?“, meinte die kleine Hexe. Dann klappte sie plötzlich das Hexenbuch zu. „Du hast Recht!“, rief sie zornig. „Es stimmt, dass ich nicht bei der Sache bin. Und warum nicht?“ Sie blitzte den Raben an. „Weil ich Wut habe!“ „Wut?“, wiederholte der Rabe Abraxas. „Auf wen denn?“
„Es ärgert mich“, sagte die kleine Hexe, „dass heute Walpurgisnacht ist. Heute treffen sich alle Hexen zum Tanz auf dem Blocksberg.“
„Na - und?“ „Und ich bin noch zu klein für den Hexentanz, sagen die großen Hexen. Sie wollen nicht, dass ich auch auf den Blocksberg reite und mittanze!“
Der Rabe versuchte die kleine Hexe zu trösten und sagte: „Sieh mal - mit einhundertsiebenundzwanzig Jahren kannst du nicht erwarten, dass die großen Hexen dich für voll nehmen. Wenn du erst älter bist, wird sich das alles geben.“
„Ach was!“, rief die kleine Hexe. „Ich will aber diesmal schon mit dabei sein! Verstehst du mich?“
„Was man nicht haben kann, soll man sich aus dem Kopf schlagen“, krächzte der Rabe. „Ändert sich etwas daran, wenn du zornig bist? Nimm doch Vernunft an! Was willst du denn machen?“ 
Da sagte die kleine Hexe: „Ich weiss, was ich mache. Ich reite heute Nacht auf den Blocksberg!“ Der Rabe erschrak. „Auf den Blocksberg?!“ - Das haben dir doch die großen Hexen verboten! Sie wollen beim Hexentanz unter sich sein.“ „Pah!“, rief die kleine Hexe. Verboten ist vieles. Aber wenn man sich nicht erwischen lässt….“ „Sie erwischen dich!“, prophezeite der Rabe. „Ach, Unsinn!“, erwiderte sie. „Ich geselle mich erst zu den anderen Hexen, wenn sie schon mitten im Tanz sind - und ehe sie Schluss machen, reite ich wieder heim. In dem Trubel, der heute Nacht auf dem Blocksberg herrscht, wird das nicht weiter auffallen.“

Heia, Walpurgisnacht
Die kleine Hexe ließ sich vom Raben Abraxas nicht Bange machen, sie ritt in der Nacht auf den Blocksberg. Dort waren die großen Hexen schon alle versammelt. Sie tanzten mit fliegenden Haaren und flatternden Röcken rund um das Hexenfeuer. Es mochten wohl alles in allem, fünf oder sechshundert Hexen sein: Berghexen, Waldhexen, Sumpfhexen, Nebelhexen und Wetterhexen, Windhexen, Knusperhexen und Kräuterhexen. Sie wirbelten wild durcheinander und schwangen die Besen.
„Walpurgisnacht!“, sangen die Hexe, heia, Walpurgisnacht!“ Zwischendurch meckerten, krähten und kreischten sie, ließen es donnern und schleuderten Blitze. Die kleine Hexe mischte sich unbemerkt unter die Tanzenden. „Heia, Walpurgisnacht!“, sang sie aus voller Kehle. Sie wirbelte mit um das Hexenfeuer und dachte sich: Wenn mich Abraxas jetzt sehen könnte, würde er Augen machen wie eine Waldeule!
Sicherlich wäre auch weiterhin alles gut gegangen - nur hätte die kleine Hexe nicht ihrer Muhme, der Wetterhexe Rumpumpel über den Weg tanzen dürfen! Die Muhme Rumpumpel verstand keinen Spaß, sie war eingebildet und böse.
„Sieh da!“, rief sie, als ihr die kleine Hexe im Trubel begegnete, „welch eine Überraschung! Was suchst du hier? Antworte! Weißt du nicht, dass es für so junge Dinger verboten ist, heute Nacht auf den Blocksberg zu kommen?“ „Verrate mich nicht!“, bat die kleine Hexe erschrocken.
Die Muhme Rumpumpel erwiderte: „Nichts da! Du freches Stück musst bestraft werden!“
Neugierig kamen die anderen hexen herzu und umringten die beiden. Die Wetterhexe berichtete zornig: dann fragte sie, was mit der kleinen Hexen geschehen solle.
Da riefen die Nebelhexen: „Sie soll es büßen!“
Die Berghexen kreischten: „Zur Oberhexe mit ihr! Auf der Stelle zur Oberhexe!“
„Jawohl“, schrien alle Hexen, „packt sie und schafft sie zur Oberhexe!“
Der kleinen Hexe half weder Bitten noch Betteln. Die Muhme Rumpumpel nahm sie beim Kragen und schleifte sie vor die Oberhexe. Die hockte auf einem Thron, der aus Ofengabeln errichtet war. Stirnrunzelnd hörte sie der Wetterhexe zu. Dann donnerte sie die kleine Hexe an:
„Du wagst es in dieser Nacht auf den Blocksberg zu reiten, obwohl es für Hexen in deinem Alter verboten ist? Wie kommst du auf diesen verrückten Gedanken?“
Angstschlotternd sagte die kleine Hexe:
„Ich weiss nicht. Ich hatte auf einmal so große Lust dazu - und da bin ich halt auf meinen Besen gestiegen und hergeritten…“
„Dann wirst du gefälligst auch wieder nach Hause reiten!“, befahl ihr die Oberhexe. 
„Verschwinde hier und zwar schleunigst! Sonst müsste ich böse werden!“
Da merkte die kleine Hexe, dass mit der Oberhexe zu reden war.
„Darf ich dann wenigstens nächstes Jahr mittanzen?“, fragte sie. 
„Hm…..“, überlegte die Oberhexe. „Das kann ich dir heute noch nicht versprechen. Wenn du bis dahin schon eine gute Hexe geworden bist, dann vielleicht. Ich werde am Tag vor der nächsten Walpurgisnacht einen Hexenrat einberufen, dann will ich dich prüfen. Die Prüfung wird aber nicht leicht sein, kleine Hexe.“
„Ich danke dir!“, sagte die kleine Hexe, „ich danke dir!“
Sie versprach bis zum nächsten Jahr eine gute Hexe zu werden. Dann schwang sie sich auf den Besen und wollte nach Hause reiten. Da aber sagte die Wetterhexe Rumpumpel zur Oberhexe:
„Willst du das kleine, freche Ding nicht bestrafen?“
„Bestrafe es!“, hetzten die anderen Wetterhexen.
„Bestrafe es!“, reifen auch alle Übrigen. „Ordnung muss sein! Wer zum Hexentanz reitet, obwohl es ihm nicht erlaubt ist, der muss einen Denkzettel kriegen!“
„Wir könnten die freche Kröte zur Strafe ein bisschen ins Feuer werfen“, meinte die Muhme Rumpumpel. „Wie wäre es“, riet eine Knusperhexe, „wenn wir sie in den Gänsestall sperren… der steht gerade leer.“
Eine Sumpfhexe sagte: „Da wüsste ich etwas Besseres! Gebt sie mir und ich stecke sie bis an den Hals in ein Schlammloch!“
„Nein“, widersprechen die Kräuterhexen, „wir sollten ihr ordentlich das Gesicht zerkratzen!“
„Das außerdem!“, fauchten die Wind- und Berghexen!
Der kleinen Hexe wurde es angst und bange. Das konnte ja gut werden!
„Aufgepasst!“, sagte die Oberhexe, als alle anderen Hexen gesprochen hatten. „Wenn ihr verlangt, dass die kleine Hexe bestraft werden soll….“
„Wir verlangen es!“, lärmten diese Hexen im Chor und am lautesten lärmte Muhme Rumpumpel.
„….. dann schlage ich vor“, rief die Oberhexe, „dass wir ihr einfach den Besen wegnehmen und sie zu Fuß auf den Heimweg schicken! Drei Tage und Nächte lang wird sie zu laufen haben, bis sie in ihren Wald kommt - das reicht.“
„Das reicht nicht!“, schrie die Wetterhexe Rumpumpel; aber die anderen meinten, das könne man hingehen lassen. Sie nahmen der kleinen Hexe den Besen weg, warfen ihn lachend ins Feuer und wünschten ihr eine gute Reise.

Saskia
Teamerin
Beratung4Kids
Saskia Teamer(-in) 19.07.2020 20:06

Der süße Brei
Grimms Märchen

Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen: "Töpfchen, koche," so kochte es guten, süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: "Töpfchen, steh," so hörte es wieder auf zu kochen.

Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, sooft sie wollten.

Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter: "Töpfchen, koche," da kocht es, und sie ißt sich satt; nun will sie, daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt's die ganze Welt satt machen, und ist die größte Not, und kein Mensch weiß sich da zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: "Töpfchen, steh," da steht es und hört auf zu kochen, und wer wieder in die Stadt wollte, der mußte sich durchessen.

Saskia
Teamerin
Beratung4Kids