Thema: Antriebslosigkeit

Eröffnet am 29.05.2020 um 21:06 Uhr

Niklas_h 29.05.2020 21:06

Hallo,
ich bin Niklas 13 Jahre alt und gehe in die 8. Klasse an einem Gymnasium. Erstmal zu mir. Ich spiele Hockey, Horn und Klavier, begeistere mich für den Anbau von Gemüse. Bin in einem Verein für Naturschutz, welcher sich wöchentlich trifft und zaubere gerne. Letzteres mache ich bisher als Hobby, es ist allerdings mein großer Berufswunsch einmal selbstständiger Zauberer zu sein. An anderen Ideen mangelt es mir eigentlich auch nie. In letzter Zeit wird mir das alles allerdings zu viel und ich überlege deshalb mit horn aufzuhören. Außerdem habe ich seit ca. 1 Jahr dauernd die Befürchtung zu dick zu sein oder zu werden.
Meine Eltern erlauben mir mir 1 Stunde 20 Minuten pro Tag am Handy zu sein, was ich gut finde. Aber ich bin trotzdem oft länger dran, weshalb ich oft abends unzufrieden bin. Was kann ich dagegen tun? weiteres Problem was ich seit einiger Zeit habe ist, dass ich alles daran werte, ob es mich weiterbringt. Dann bin ich abends oft unzufrieden weil ich ja "so wenig" geschafft habe. Denn auch wenn ich etwas mit meiner Familie spiele denke ich danach oft, dass das verschwendete Zeit war.
Und noch eine Sache die vielleicht wichtig ist. Ich bin sehr anfällig Krankheiten gegenüber und hatte schon oft längere Krankheitsphasen, von denen kein Arzt wusste was ich für eine Krankheit habe. Vor einem halben Jahr hatte ich auch einmal ca. einen Monat lang fast täglich Kopfweh. Was aber dann auf Eisenmangel (ich bin Vegetarier) zurückzuführen war. Vor der Coronazeit hatte ich auch eine Kopfwehphase in der ich auch Antriebslos war. Nach dem ich dann aber statt von 22 Uhr um 20 Uhr ins Bett gegangen bin ging dass dann auch weg (ich muss um 6 Uhr aufstehen).
Letze Woche (ich gehe erst nach den Pfingstferien (in Bayern fangen diese Morgen an) wieder in die Schule) bin ich immer um neun spätestens halb Zehn ins Bett gegangen und um sechs Uhr aufgestanden, um möglichst früh mit den Schularbeiten fertig zu sein. da hatte ich auch manchmal leichtes dumpfes Kopfweh im Hinterkopf, aber nur wenn ich denn Kopf geschüttelt habe. Jetzt bin ich seit drei Tagen sehr Antriebslos und hatte die beiden letzen Tagen schwaches Kopfweh beides ginge weg wenn ich etwas mit anderen unternommen habe. Vor drei Tagen habe ich wohl zu wenig geschlafen, weshalb ich danach ausgschlafen habe. Dienstag als alles anfing 11:30 bis 10 Uhr; Mittwoch 10 bis 8 Uhr; Donnerstag 11 bis 9 Uhr. Trotzdem das Kopfweh und die Antriebslosigkeit, mit welcher heute seit zwei Stunden auch eine Niedergeschlagenheit einher kommt. Durch die Antriebslosigkeit lieg ich dann nur herum und schaue Videos und höre Hörspiele, wodurch ich wieder unzufrieden werde. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich wenn ich antriebslos, frustriert oder mit mir selbst unzufrieden bin mir schnell mal eine Hand süßes in den Mund stecke. Wie gesagt "vergesse" ich diese Antriebslosigkeit aber wenn ich etwas unternehme oder ähnliches wie Hockeytrainign oder mich mit Freunden treffen. Aber etwas, was vorher nicht geplant ist zu tun wie zaubern üben, dazu kann ich mich in letzter Zeit ( wegen der ANtriebslosigkeit) kaum hochraffen.
Jetzt habe ich Angst, dass das der Anfang einer Depression ist und auch wenn nicht, wüsste ich gerne was icht tuen kann. Mache ich mir selbst vielleicht mit den Hobbys etc. , wo ich ja selbst oft überfordert bin, zu viel Druck?
Liebe Grüße
Niklas
Christian Teamer(-in) 22.02.2021 07:34

Hallo Niklas,

sorry, ich war gerade recht busy, da habe ich nicht registriert, dass Du schon vor 11 Tagen geschrieben hast... normalerweise versuche ich schon, schneller zu antworten *Lächelnd*

Du beschreibst ja wirklich gute Entwicklungen. Und auch das, was ich von Dir jetzt im anderen Thread gelesen habe, gibt Anlass zu Optimismus. Tagebuch schreiben kann Dir sicher helfen, diese Entwicklungen "im Auge zu behalten". Damit Du demnächst nicht vergisst, was Dich Monate zuvor noch beschäftigt hatte *Zwinkern*

Dein einziges Problem (so schreibst Du) ist das Fingernägelkauen. Also wenn das Dein einziges Problem ist, dann bist Du echt gut raus. Wobei: die Lösung dazu hast Du eigentlich auch schon beschrieben: Ein Gummi in der Hand. Oder auch ein Kaugummi im Mund. Magst Du Kaugummi? (Ich habe Kaugummi gehasst, ich weiß auch nicht warum...) Der Drang, ständig etwas tun zu müssen, das ist ein Teil von Dir. Du wärst nicht Du, wenn es Dich nicht in den Fingern kribbeln würde, ständig was zu tun. Andere sind da anders, und jeder ist so, wie er ist, richtig. Aber es gibt natürlich mehr oder weniger "akzeptable" Arten, damit umzugehen. Nägel kauen gehört da nicht gerade zu den ästhetischsten Alternativen. Besonders, wenn Du den Nagel danach im Mund behältst. Stell Dir vor, ganz überraschend ergibt sich die Gelegenheit, Deine Liebste zu küssen, und ... Du hast einen abgekauten Fingernagel im Mund. Nicht schön, oder?

Wenn Dir das mit dem Kaugummi kauen, oder dem Spiel mit einem Gummiring in den Fingern nicht gefällt: es gibt sogenannte "Fingerspiele", und eines der bekanntesten ist das griechische Komboloi. Schau Dir das mal im Internet an. Vermutlich kann man sich so etwas auch ganz gut selbst basteln. Und Du findest im Internet jede Menge Videos, wo für Anfänger erklärt wird, was man damit machen kann, aber man auch fortgeschrittene "Moves" sieht. --- Mein Bruder brachte das mal aus Griechenland mit, und die nächsten Wochen hatte er es ständig zwischen den Fingern. Man konnte sich ihn gar nicht mehr ohne das Teil vorstellen. Irgendwann hat er dann das Interesse verloren. --- Du kannst mir ja mal erzählen, ob Komboloi für Dich etwas wäre, und wenn ja: wie weit Du damit kommst.

Was Deine Mutter angeht: Das übersteigt Deine Kompetenz und Deinen Aufgabenbereich. Du bist ein Kind. Es wäre eine totale Überforderung, wollte man von Dir erwarten, dass Du das schaffst, was Deine Mutter selbst nicht schafft: ihr einen Weg aus ihrer Situation zu weisen. Deine Mutter ist erwachsen und muss selbst auf sich aufpassen. Viel von dem, was Du mir über sie erzählst, erinnert mich an Dich. Ich kann mir gut vorstellen, wie so jemand sich gar zu sehr in die Arbeit reinsteigert. Alles, was Du tun kannst, ist, für sie da zu sein als Niklas, der Vierzehnjährige, der ihr von der Schule erzählt, von seiner Liebe, von seinen Pflanzen, und der ihr so ab und zu die Gelegenheit gibt, sich von der Arbeit abzulenken. Ob und wie weit sie darauf eingeht, ist wiederum ihre Sache. Es ist schon erstaunlich, dass Du ihr das nicht übelnimmst, sondern allem Anschein nach (aber sag es ehrlich, wenn es anders ist) Verständnis für sie hast. Ein Kind kann und darf seiner Mutter gegenüber auch schon mal auf mehr Aufmerksamkeit pochen, wenn diese sich gar zu sehr in die Arbeit stürzt. Aber wenn Du ihr keine Vorwürfe machst, sondern nur "anbietest", dass sie sich auch mal mit Deinen Themen beschäftigst, ist das bestimmt das Beste, was Du tun kannst.

Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg dabei, Deine kleinen Marotten mehr und mehr in den Griff zu kriegen, und natürlich hoffen wir das Beste für Deine Liebe *Lächelnd* Und ansonsten warten wir alle, dass Corona vorbeigeht. Ja, die Pubertät geht auch vorbei, aber ich weigere mich, sie als Plage zu sehen, so wie Corona. Die Pubertät ist nervig, aber auch aufregend, und nie wieder wird Dir soviel durch den Kopf gehen wie gerade jetzt. Vielleicht kannst Du das auch genießen *Lächelnd*

Liebe Grüße
Christian

Christian
Teamer
Beratung4Kids
Niklas_h 11.05.2021 22:11

Hey Christian,
das mit meiner Mutter hat sich zum Glück gebessert. Sie arbeitet jetzt wie es von Anfang an ihr Ziel war sogar nur noch 30 Stunden pro Woche. und ja ich habe es ihr in keiner Weise übel genommen, da ich vermute, dass ich genauso entschieden hätte *Heuchlerisch*
Aber jetzt zu mir. Psychisch geht es mir zurzeit echt super. Ich habe akzeptiert, dass ich auch manchmal schlechte Tage habe, und kann dadurch aber die guten noch viel mehr genießen. Ich habe leider auch manchmal so einen Durchhänger am frühen Nachmittag, habe da aber auch so meine Gegenmittel entwickelt (Sport, Musik, Natur).
Ich mache zurzeit auch so 3-4 mal pro Woche Krafttraining, was ich wahnsinnig gut finde. Ich weiß nicht, ob ich das nach Corona noch weiter mache, aber wenn ich es nicht mehr schaffe, dann halt nicht.
Ich sehe mittlerweile auch sehr positiv auf die Pubertät zurück (auch wenn sie noch nicht wirklich vorbei ist), denn auch die schwere Phase die ich hatte, hat mich wahnsinnig im positiven Sinne geprägt und ich möchte sie nicht missen, da ich so sehr viel gelernt habe. An dem Punkt will ich mich auch nocheinmal ausdrücklich bei dir bedanken. Du hast mir da echt gut durch geholfen.
Ich habe eigentlich nur drei kleinen Themen, die mich beschäftigen:
Ich weiß nicht mehr ob ich noch in sie verliebt bin. Entweder es ist jetzt "nur" noch meine beste Freundin. Aber, da es meine erste Liebe ist kann ich nicht einschätzen, ob vllt auch einfach nur die Verliebtheitsphase vorbei ist. Ich könnte aber auf gar keinen Fall mehr unsere Freundschaft riskieren. Ich kann mit ihr so gut reden.
WAs mich auch zum zweiten Thema bringt. Wir haben neulich darüber geredet, wer wirklich echte Freunde sind. Und ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, wen ich wirklich als Freund bezeichnen würde. Das mit ihr ist die einzige so "intime" Freundschaft. Vllt ist das aber auch normal. Alle anderen sind mehr so austauschbare nette Menschen, mit denen ich gut Zeit verbringen kann. Außer vllt mit einem meiner anderen Freunde, das ist auch noch eine sehr gute Freundschaft. Da ist allerdings, das Problem, dass er einen anderen besten Freund hat, gegen den ich niemals ankommen könnte, weil die halt schon seit der 1.Klasse einfach beste Freunde sind. Und er fragt mich auch nie nach Treffef. Das ist auch bei allen außer bei ihr so, dass immer ich frage. Heißt das, dass die anderen mich nicht als Freund sehen? Das treibt mich echt um.
Ich habe aber auch neue Freundin, denn ich bin über sie in eine Freundesgruppe (Wir sind 5. Sie, ich, ein Freund von mir, der aber kein soo guter Freund ist, und noch 2 Mädchen, die ich beide sehr nett finde) gekommen. Wir machen einmal pro Woche ein Meeting und reden da auch sehr viel. Da kann ich mich auch richtig gut öffnen. Denen habe ich schon viele Dinge gesagt, über die ich noch nie gesprochen habe.
Alerdings wünsche ich mir doch, dass ich da noch jemanden finde, der so ein richtig guter Freund wird. Ich versuche, dass im Moment irgendwie so zu "forcieren" falls du weißt, was ich meine. Das geht so weit, dass wenn ich ein Thema habe, das halt ziemlich intim ist oder mir viel bedeutet, dass ich plane, wem ich dass sage um halt so zu zeigen, dass ich dem anderen vertrauen. Und das ich nach Treffen frage, was die auch machen, aber ich bin mir dann zurzeit immer unsicher, ob die das jetzt wirklich wollen oder nur machen, um mich nicht zu enttäuschen. Und vllt ist das auch Unsinn, aber ich habe zurzeit so Angst vor Ablehnung. Und dadurch bin ich dann auch nicht ich selbst, und versuche halt irgendwie interressant und lustig zu sein. Aber vllt muss ich dem auch einfach Zeit geben und mich öfter mit ihnen treffen, dass hat bei meiner besten Freundin ja auch geklappt.
Und das driitte Thema ist, dass ich zurzeit oft neidisch bin. Und ich will das gar nicht und finde Neid eine sehr schlimme Eigenschaft, aber ich kann meine Emotionen ja auch nicht kontrollieren. und zwar bin ich immer neidisch, wenn ich höre, dass einer von den 5 (hauptsächlich die Mädchen) sich mit irgendeiner ihrer Freundinnen getroffen haben. Ich denke mir dann immer, warum hat sie nicht mich gefragt. Und die Lösung ist eigentlich auch ganz einfach, nämlich dass halt einfach die Freundschaft nicht so gut ist, wie ich gerne wollen würde, dass sie ist. Und dann fange ich an darüber nachzudenken, wie sie besser werden kann. Vielleicht ist das aber auch der falsche Ansatz?
Vllt kannst du mir ja Anregungen geben,
Viele Grüße
Niklas
Christian Teamer(-in) 15.05.2021 00:54

Hi Niklas,

schön, von Dir zu hören! Und gute Nachrichten von Deiner Mutter, prima. Und Du entwickelst skills gegen Durchhänger... weiter so! *Lachend*

Nur noch drei kleine Themen... und die gehe ich mal von hinten nach vorne an. Weil mit dem dritten kenne ich mich aus: dieses Gefühl, dass die anderen es besser haben, weil die sich treffen und ich selbst außen vor bin... ich war Außenseiter und habe lange damit zu kämpfen gehabt.

Das ging so lange, bis ich begriff, dass ich mich nicht über die Sympathien anderer definieren darf. Bis ich verstand, dass ich vor allem erst mal bei mir selbst sein muss. Ich bin ein wertvoller Mensch, egal ob ich viele oder wenige Freunde habe. Ich muss es mit mir selber gut aushalten können. Das zu lernen, ist lebenswichtig, denn die meiste Zeit seines Lebens ist man mit sich allein! Sobald ich das kapiert hatte, war der Neid weg. Sicher, es wäre schön, mehr mit anderen zu machen. Aber glaub mir, das geht fast jedem so. Der Rasen ist immer beim Nachbarn grüner als der eigene... weißt Du, ob solche Treffen dann für die beiden evtl. auch nur als "austauschbare nette Zeit" liefen?

Ich erfinde jetzt mal Namen. Du magst Mia. Und Du magst Lena. Und Du bekommst mit, dass Mia und Lena sich treffen. Was könntest Du jetzt empfinden?

Neid? "Warum bin ich nicht mit eingeladen?" Wäre das nicht ein wenig unsouverän? So als ob Du darauf angewiesen wärst? Oder eventuell Freude? Du magst die beiden doch. Dann wünschst Du ihnen alles Gute. Freust Dich, wenn sie gute Noten in der Schule bekommen, oder mit den Eltern einen schönen Ausflug gemacht hatten und Dir davon erzählen. Da freust Du Dich doch sicher auch, wenn die beiden eine gute Zeit zu zweit hatten, oder?

Wobei: vielleicht war die Zeit, die die beiden zusammen hatten, gerade deshalb so gut, weil *kein* Junge dabei war? Kannst Du Dir das vorstellen? Dass Mädchen mal auch Mädel-Themen bereden wollen? Und kannst Du Dir vorstellen, dass Du Dich darüber freust, wenn zwei Deiner Freundinnen mal wirklich so einen richtig netten Mädelsabend verbracht haben? Weil Du es ihnen gönnst?

Kleiner Schwenk zum Thema 2. Du suchst einen Freund. Du hast eine Freundin. Verstehe ich das richtig: Du suchst jetzt aber noch einen Freund. Einen Jungen. Hmm, vielleicht ist das dann so etwas Ähnliches: Du würdest Dich mit ihm über Dinge unterhalten können, die eben ein typisches Thema zwischen Jungs sind. Also wenn Du einen Jungen als Freund suchst, dann wirst Du doch den Mädchen aus der Freundesgruppe sicher nicht verdenken, dass die sich untereinander noch einmal besonders gut verstehen, oder?

Du suchst also einen Freund, und Du "forcierst" das... tu's nicht. Mit "Gewalt" erreicht man da gar nichts. Das wirkt dann so verzweifelt. Eben alles andere, nur nicht souverän.

Ich wiederhole mich: Suche zuerst, mit Dir selbst klar zu kommen. Dich nicht zu langweilen, wenn mal keiner da ist, weil Du nicht erst im Treffen mit anderen etwas wert bist. Du bist auch dann wertvoll, wenn Du alleine bist. Und dann kann es passieren... wenn Du gar nicht danach suchst, wirst Du Freunde finden. Nehmen wir mal als Beispiel die Tugend der Hilfsbereitschaft. Du wirst nicht deshalb hilfreich sein, weil Du Dir Dankbarkeit und am Ende Freundschaft erhoffst. Du wirst hilfreich sein, weil Du findest, dass man hilfreich sein sollte. Weil das gut und richtig ist. Und Du spürst, dass das Hilfreich sein Dir gut tut. Es fühlt sich richtig an. Du wirst auch hilfreich sein zu Menschen, die Dir das nicht danken können (weil die Situation es nicht zulässt, zB wenn Du Fundgut zum Fundbüro bringst, weil sie zu alt, zu dement, zu jung... sind). Bringt Dir das Freunde? Es macht Dich zu einem Menschen, der mit sich im Reinen ist. Der sich selbst gut aushalten kann. Und wer weiß... vielleicht findet das irgendjemand toll und will Dein Freund sein? Kann sein... aber muss auch nicht. Und Du könntest das aushalten. Definiert sich denn der Wert eines Menschen durch die Zahl der Freunde, die er hat?

Noch eine Anmerkung zu Deinem Thema 2. Du findest, manchen Freundschaften seien "austauschbare nette Menschen"... da sage ich mal: Nein. Sind sie nicht. Keiner ist austauschbar. Du nicht, und die auch nicht. OK, Eure Freundschaft ist dann noch nicht besonders intensiv. Aber immerhin kannst Du gut mit ihnen Zeit verbringen. Wenn Du willst, dass sie für Dich nicht mehr austauschbar sind, dann interessiere Dich für sie. Es ist weniger wichtig, wie viel Intimes Du von Dir erzählst. Sondern ob Du mal so richtig zuhörst, was der andere zu sagen hat. Frag ihn, wie es ihm geht. Hake nach (na ja, nicht indiskret werden, aber eben zeigen, dass Du bereit bist, mehr zu hören). Und wenn der dann anfängt, mehr zu erzählen, wird er unverwechselbar. Mit seinen ganz eigenen Freuden und Problemen. Und wer weiß... vielleicht will er ja dann auch mehr von Dir wissen.

Womit wir vorne angekommen wären: Ist es Liebe? Oder "nur" Freundschaft? Also eins steht fest: es scheint eine ziemlich gute Freundschaft zu sein. Du kannst Dich gut mit ihr unterhalten, und Du willst die Freundschaft auf gar keinen Fall riskieren. Also bedeutet sie Dir viel. Mensch, das ist doch was! Das ist sehr viel wert! Ein Freund oder kein Freund, das ist der Unterschied schlechthin. Größer als der zwischen ein Freund und zehn Freunde. Halt das fest, und vor allem: erfreu Dich daran!

Aber ist es mehr? Das kannst nur Du Dir beantworten. Und das Beste daran: das musst Du nicht bis morgen beantworten. Das hat Zeit. Ihr seid eh zu jung zum Heiraten *Zwinkern* und bis zum gemeinsamen Hausbau vergehen noch viele Jahre... also lass es auf Dich zukommen. Wobei, wenn es um Liebe geht, dann geht es ja nicht nur ums "sich verstehen". Dann geht es auch darum, ob man sich körperlich zueinander hingezogen fühlt, ob man die Nähe des Anderen genießt, und das sind Dinge, die kann man nicht im stillen Kämmerlein beantworten. Das ergibt sich, manchmal schneller, manchmal (besonders in Coronazeiten) langsamer, wenn man sich trifft. Und trifft. Und trifft...

Ich wünsche Dir für Deine Freundschaften, und vielleicht für Deine Liebe, alles Gute!

Herzliche Grüße
und bleib gesund
Dein Christian

Christian
Teamer
Beratung4Kids
Niklas_h 17.05.2021 22:31

Hey Christian,
erstmal Danke für deine Antwort. Ich kann da jetzt noch nicht so richtig viel zu sagen, weil ich das irgendwie innerlich immer erstmal innerlich verarbeiten muss um dann zu neuen Erkenntnissen zu kommen,
Eine Sache wollte ich noch ansprechen, dass ich, weil ich mir gerade mehr und bessere Freundschaften wünsche, alle bestehenden in Frage stelle.
Ich bin mir bei keiner meiner Freundschaften mehr so richtig sicher, ob sie auf Gegenseitigkeit beruht. Das liegt hauptsächlich daran, dass es immer ich bin der nach Treffen fragt. Und zwar wirklich bei allen meinen Freunden. Und sie sagen zwar immer ja, wenn ich sie nach Treffen fragen, aber irgendwie hat sich bei mir der Gedanke eingeschlichen, dass sie das ja vllt nur tun, weil sie nicht die Kraft haben mir die Wahrheit zu sagen und mich nicht verletzten wollen.
Sie hat mich manchmal schon gefragt, aber da frage auch ich meistens. Und obwohl sie manchmal fragt, denke ich dann trotzdem manchmal, dass sie auch das nur macht, weil sie glaubt, dass sie mich sonst enttäuscht. Bei ihr bin ich mir zwar auf einer logischen Ebene recht sicher, dass sie mich auch mag, aber auf einer emotionalen Ebene bin ich mir dann doch immer nicht sicher.
Vielleicht kannst du mir da ja auch helfen, weil ich glaube, dass das wesentlich dazu beiträgt, dass ich mich manchmal so fühle als hätte ich zu wenig Freunde.
Ich dachte mir gerade, dass ich meine Freunde, dass ja einfach mal fragen könnte und ansprechen, dass ich das cool fände, wenn sie auch mal fragen. Oder ist das zu offen?
Ich könnte mich natürlich auch quasi generell beschweren, das meine Freunde mich nie nach Treffen fragen. Und dann hoffen, dass sie sich angesprochen fühlen.
Ich merke gerade, dass ich da schon wieder so planend (wie bei Schach oder so *Lachend* ) rangehe. Das ist aber doch auch nicht gut oder?

Viele Grüße
Niklas
Christian Teamer(-in) 18.05.2021 08:11

Hallo Niklas,

gut dass Du Dich hinterfragst... "Ist das jetzt zuviel Schach?" Wobei: es ist schon nicht das Schlechteste, darüber nachzudenken, wie man sich verhält bzw. verhalten sollte. Im Grunde sind die Dinge, die ich Dir vorgeschlagen hatte (nicht selbst mit intimen Geheimnissen rausplatzen, sondern Dich für die anderen interessieren, zuhören, nachhaken) ja auch "Schachzüge".

Also von mir aus: betrachte es als Schach. Nur sind die Moves, die Du da vorschlägst, nach meiner bescheidenen Meinung nicht zielführend. Wenn Du seeeehr darunter leidest, dass ein bestimmter Freund zwar allem Anschein nach gerne eingeht auf Deine Fragen nach Treffen, aber nie von sich aus darauf kommt, Dich zu fragen, dann... würde ich ihm nicht sagen, dass Du Dir wünschst, dass er Dich auch mal anspricht. Sondern vielleicht fragen: "Sag mal, geht Dir das eigentlich auf die Nerven, dass immer ich nach Treffen frage?" Verstehst Du den Unterschied? Nicht Du stehst im Fokus ("ich möchte gerne gefragt werden"), sondern er ("nervt es, wenn ich dich ständig frage"). Du kannst ja quasi entschuldigend nachschieben, dass Du nur deshalb so oft fragst, weil Du gerne mit ihm zusammen bist.

Oder gar allgemein beschweren, dass Dich keiner fragt... also als Dein PR-Berater würde ich sagen: völlig falsches Image. "Keiner mag mich..."

Besser wäre es, wenn Du Dir abgewöhnen könntest, darunter zu leiden. Das geht in dieselbe Richtung wie das, was ich bei meinem letzten Beitrag schrieb: wenn Du lernen könntest, dass Du Dir selbst beste Gesellschaft bist. Dass Du eigentlich gar keinen brauchst. ... Das soll jetzt nicht heißen, dass Du selbst aufhören sollst, andere zu fragen. Das ist dann eben Dein "special": Du bist einer, der gerne Leute trifft und darum auch oft fragt. Die anderen sind da vielleicht eher passiver. Wenn Du ein wenig darauf achtest, niemandem auf die Nerven zu fallen, ist das ganz ok. Du bereicherst die Gemeinschaft, gerade weil Du dafür sorgst, dass mehr Treffen stattfinden als wenn Du Dich da zurückhalten würdest.

OK, mein letzter Text war anscheinend "schwer verdaulich". Dann mache ich den hier noch etwas schwerer *Zwinkern* (aber nur, weil ich Dir das zutraue). Das, was ich jetzt sage, klappt selbst bei viel Älteren nicht... aber bei Dir könnte das anschlagen. Ich fange mit einer Anekdote an. Einer des besten Päpste, die die Kirche je hatte, Johannes der 23., hatte mal wegen der Schwere des Amtes schlaflose Nächte. Da - so sagt die Anekdote - erschien ihm Gott im Traum und sagte ihm: "Johannes, nimm dich nicht so wichtig."

Ob es die Schwere des Amtes ist, oder was auch immer schlaflose Nächte bereitet: es ist oft "ich-bezogen". Beim Papst: "schaffe ich das alles, was man von mir erwartet?" Bei Dir vielleicht: "Mag man mich?" Und der Rat, der dem Papst im Schlaf kam, hilft in beiden Fällen. Weg vom ich. Hin zum Du. Was ist das Problem meines Gegenübers? Wie kann ich helfen? ... Du bedankst Dich gelegentlich, dass ich mir die Zeit nehme und mich Deiner Probleme annehme. Aber weißt Du was? Das ist "purer Egoismus". Es macht nämlich wirklich viel Freude, anderen beizustehen. Das gibt mir dann eben auch Gelegenheit, weg vom ich zu kommen. Und siehe da... viele meiner Probleme sind auf einmal gar nicht mehr sooo wichtig.

"Normalerweise" ist so eine Haltung nichts für Dein Alter. In Deinem Alter ist man naturgemäß sehr auf sich selbst bezogen. Je jünger ein Mensch, umso normaler ist es, wenn sich bei ihm alles um sich selbst dreht. Extremfall Baby: Perfekte Egoisten. Und das muss auch so sein, denn sie müssen dafür sorgen, dass man sich um sie kümmert, und wenn die Zuwendung "nicht stimmt", schreien sie, was das Zeug hält, bis man sich ihnen wieder zuwendet. Auch Du bist noch in einer verletzlichen Phase, der Pubertät. Es ist vollkommen normal, dass Du Dich da vor allem darum sorgst, dass für Dich alles richtig läuft. Und dazu gehören eben viele Kontakte zu Gleichaltrigen: das ist gut für Deine Entwicklung, und das sollst Du auf jeden Fall weiter suchen. Aber Du bist ein für Dein Alter schon recht reflektierter Mensch, und da könnte es sein, dass Du jetzt schon entdeckst, wie befreiend es sein kann, sich mal mehr um andere als um sich selbst zu kümmern. Man kann eben auch viele Kontakte zu anderen haben, bei denen es NICHT darum geht "mögen dich mich?", sondern "ich mag die". Dann stehen die im Fokus, und nicht Du.

Bleib wie Du bist. Frag die Leute, mit denen Du zu tun haben willst, ob sie Dich treffen mögen. Frag Dich nicht, ob sie Dich mögen. Du magst sie, das reicht. Und vielleicht mag man Dich ja dann gerade wegen Deiner direkten Art, auf Leute zuzugehen...

Einen schönen Tag noch
liebe Grüße
Christian

Christian
Teamer
Beratung4Kids
Niklas_h 07.06.2021 21:25

Hey Christian,

ich kann jetzt leider noch nicht so viel dazu sagen, ob sich das mit dem Neid gebessert hat, aber ich glaube schon. Es gab nur in letzter Zeit nicht diese Situationen, in denen ich ihn gespürt habe. Am Anfang konnte ich wenig mit dieser nicht ich-bezogenen Haltung anfangen, aber ohne dass ich groß darüber nachgedacht hätte, hat sich das wohl unterbewusst verarbeitet und mittlerweile verstehe ich es recht gut. Auch wenn ich das Beispiel mit dem Paps nicht wirklich damit in Verbindung bringen kann. Ich sehe den Zusammenhang nicht so richtig.
Und das das mein "special" ist, so habe ich da noch gar nicht gesehen. Für mich war das immer so selbstverständlich, dass man immer seine Freunde fragt.
Ich habe allerdings noch drei Probleme im Moment:
1.: Ich habe immer noch so ein bisschen damit zu kämpfen, dass ich das Gefühl habe zu wenig Freunde zu haben.
2.: Ich wünsche mir "körperliche Nähe" und dabei geht es mir überhaupt nicht um Sex sondern mehr eine Freundin zu haben, die man umarmen kann, Händchen halten oder kuscheln. Oder auch einen guten Freund, bei dem man sich so anlehnen kann. Ich hatte so eine innige Verbindung noch nie und wünsche sie mir aber von Herzen. Wenn ich andere Paare in etwa meinem Alter sehe, kommt dieser Wunsch immer auf.
Und 3.: Ich bin jetzt seit ca. einem 3/4 Jahr im Stimmbruch und meine Stimme ist immernoch ziemlich hoch und nicht verlässlich und außerdem oft wahnsinnig leise. Vielleicht liegt das daran, dass ich mit meiner kleinen Schwester auch oft mit imaginären Tieren spiele, die dann halt so reden können. Und deren "Stimmen" sind halt hoch, so dass ich die Richtung quasi oft "trainiere". Kann man durch so etwas den Stimmbruch bremsen? Und mein Vater meint jetzt oft, dass ich üben soll tiefer zu sprechen, weil ich sonst im Stimmbruch stecken bleiben könnte und immer so eine hohe oft eher krächzige Stimme habe. Kann das passieren?? Kann ich auf meinen Stimmbruch überhaupt Einfluss nehmen. Ich habe das lange zeit gar nicht wahr genommen, aber mittlerweile traue ich mich oft kaum den Mund auf zu machen.

Viele Grüße
Niklas
Christian Teamer(-in) 08.06.2021 09:19

Hallo Niklas,

freut mich, wenn sich das mit dem Neid gebessert hat. Es bringt auch wirklich nichts, einem anderen etwas zu missgönnen, nur weil man es sich selber wünscht und nicht hat... Wobei das Gefühl, zu wenige Freunde zu haben, von ganz vielen Menschen geteilt wird. Es ist irgendwie komisch: da laufen lauter Leute durch die Welt, die alle gerne mehr Freunde hätten (80% aller Menschen wollen mehr Freunde haben), und irgendwie laufen sie aneinander vorbei, und man möchte ihnen zurufen: "Nun seid doch nicht so blöd und befreundet Euch endlich..." Aber irgendwie (großes Rätsel der Natur) ist das alles nicht so einfach. Kaum lernt man jemand näher kennen, springen auch wieder irgendwelche Kontrollmechanismen an: ist das wirklich ein guter Freund? Der raucht... oder hat der nicht letztens einen unanständigen Witz erzählt? Du weißt schon, was ich meine. Jeder hat da seine eigenen Filter. Einer schaut vielleicht dann mal genauer hin, wie sich einer kleidet, ein anderer achtet auf die Tischsitten... und irgendwie passt es dann nicht, und schon wieder eine Chance verpasst.

Und dann gar erst die enge Freundschaft. Eine, die körperliche Nähe erlaubt. Die wünscht sich so ungefähr jeder... und kaum einer hat sie. Lass Dich dabei nicht davon täuschen, dass viele mit jemand anderem Hand in Hand herumlaufen. Wenn Du das dann man eine Weile beobachtest, wirst Du feststellen, dass solche Beziehungen - gerade in Deinem Alter - oft nicht besonders lange halten. Und dann war es wohl doch nicht die gesuchte enge Beziehung - eher ein Ausprobieren. Auch nicht verkehrt, aber eben nicht das, wonach Du Dich sehnst.

Es ist gut und richtig, dass es Dir dabei nicht um Sex geht. Die Medien und die sozialen Medien suggerieren einem: am Ende zählt doch nur der Sex. Aber das ist Unsinn, und gerade in Deinem Alter und am Anfang einer vertraulichen Beziehung sollte Sex wirklich nicht das erste Thema sein. Du hältst es Dir offen, ob die Schulter, an die Du Dich lehnen möchtest, einem Mädchen oder einem Jungen gehört. Das ist gut so: darauf kommt es nämlich nicht an.

Ich kann Dir ja bei vielem helfen, aber nicht dabei, so gute und enge Freundschaften zu finden. Wenn ich das könnte, wäre ich Superman. Dann würde ich vermutlich meinen Beruf an den Nagel hängen und Leute zusammenbringen *Lächelnd* Aber vielleicht tröstet es Dich, dass Du mit Deiner Sehnsucht nicht alleine bist. Warum sind so viele Liebeslieder sehnsüchtig? Da wird nicht besungen, wie toll es ist, sondern wie toll es wäre. Oder war... (also doch jetzt gerade nicht ist). Nur die Schmonzetten im Sonntagsfernsehen enden alle mit einem Happy End, und jede und jeder finden zusammen... die guten Liebesgeschichten in der Literaturgeschichte sind eher tragisch als Happy End. Wird schon seinen Grund haben. (Und diese Schmonzetten haben auch ihren Grund: wenn die Leute schon kein Glück in der Liebe haben, dann wollen sie wenigstens davon träumen dürfen... der Schuss kann aber noch hinten losgehen, wenn man damit ein Weltbild übernimmt: eigentlich müsste ich auch schon längst jemanden gefunden haben, die im Fernsehen kriegen ja auch immer jemanden ab... so ähnlich wie die hyperschlanken Models zu Magersucht bei Mädchen führen...) Also: Du bist nicht allein. Und ehrlich: Leute, die darunter leiden, keine Freunde zu haben, sind mir hundertmal lieber als Leute, die keine Freunde haben und die das nicht stört.

Stimmbruch: Tatsächlich kann man im Stimmbruch "stecken bleiben". Aber nicht, weil man nicht genug geübt hat... mach Dir also keinen Druck. Wenn jemand im Stimmbruch steckenbleibt, dann liegt das oft daran, dass er sich nicht mit der Vorstellung anfreunden kann, nun ein Mann zu werden, einen Bart zu bekommen, und eben diese tiefe Stimme zu haben. Wie stehst Du denn dazu? Freust Du Dich auf Deinen künftigen Bariton? Ich finde es immer witzig und auch irgendwie toll, wenn ich bei Bekannten anrufe, der Sohn geht ran, und ich denke, ich hab den Vater. Und die Jungs sind auch meistens heimlich stolz über diese Verwechslung. Kannst Du Dir vorstellen, stolz auf die kommende, tiefe Stimme zu sein? Wenn das sich aber wirklich länger hinzieht als normal, dann könntest Du allerdings wirklich mal eine Logopädin oder einen Logopäden fragen. Die haben dann oft ihre Tricks, Dir zu helfen...

Liebe Grüße
und genieß den Sommer
Dein Christian

Christian
Teamer
Beratung4Kids
Niklas_h 09.06.2021 20:33

Hey Christian,
bis vor kurzem hätte ich dir klar geantwortet, dass ich auf gar keinen Fall eine tiefere Stimme haben will.
Jetzt bin ich mir darin gar nicht mehr sicher, denn einerseits will ich auf gar keinen Fall, dass es so bleibt wie jetzt, aber eine tiefe Stimme, kann ich mir auch nicht wirklich vorstellen.
Besonders schlimm ist es momentan beim Hockey. Ich spiele so ca. 2 Jahre kürzer als die anderen und bin deshalb noch nicht so gut wie sie. Gerade durch Corona habe ich recht viel verlernt, weil ich davor wegen einer Verletzung auch lange nicht spielen konnte. Deshalb ist das Hockeytraining momentan eh oft eher frustrierend. Aber da merke ich auch schon, dass es wieder aufwärts geht.
Unser Trainer sagt eh, dass das wichtigste ist, dass man viel läuft und sich anbietet. Außerdem sollte man dann halt rufen, wo man ist. Dummerweise traue ich mich gerade da kaum den Mund aufzumachen, weil wenn ich auch noch rufen muss, wird meine Stimme noch höher und krächziger. Und von den anderen ist gerade keiner mehr im Stimmbruch.
Das nervt echt, gerade weil ich viel renne und dann nichts sagen "kann" und es deshalb oft umsonst ist und meine Trainer uns nur sagt wir sollen mehr kommunizieren.
Viele Grüße
Niklas
Christian Teamer(-in) 10.06.2021 08:26

Hallo Niklas,

das mit Deiner Stimme scheint Dir ja echt Sorgen zu machen. ... Und dabei müsste es das gar nicht...

Ich habe seit gestern in meiner Tischtennistrainingsgruppe einen 13-Jährigen. Lang, dünn, fröhlich, und eine sehr markante und auffällig helle Stimme. Das fiel mir schon auf, als ich ihn ans Telefon bekam (ich musste anrufen "es ist doch noch ein Platz in der Trainingsgruppe frei", weil ein Kind krank geworden war)... ich dachte: Mädchen oder Junge? Aber die Mutter hatte klar von ihrem Jungen geredet.

Michael (Name von der Redaktion geändert *Lächelnd* ) scheint sich darum überhaupt keine Gedanken zu machen. In der Gruppe meldet er sich fröhlich zu Wort, ist fast ein wenig geschwätzig, und wenn mal was laut durch die Halle gerufen werden muss ("Thomas, das ist mein Ball, hierher!"), zögert er keine Sekunde. Und meinst Du, in der Gruppe hätte irgendjemand irgendetwas gesagt? Nein, keiner. Und dabei sind die nicht schüchtern. "Was hast du denn da für einen Halsschmuck?" (Ich trage einen ungewöhnlichen Halsschmuck... ich finde es sehr sympathisch, wenn man mich danach fragt, denn das heißt, dass Vertrauen da ist... einen Wildfremden fragt man nicht.) Aber das habe ich schon mehrmals bemerkt: Dinge, wo ich mir Sorgen mache ("Wird das Kind sich wohl fühlen in der Gruppe? Wird man es nicht hänseln?") spielen überhaupt keine Rolle, wenn der Betreffende das nur mit dem richtigen Selbstbewusstsein ... ignoriert. Wir haben einen Jungen in der Gruppe, der ist nicht nur etwas übergewichtig, sondern das auch noch mit einer sehr ungünstigen Körperfettverteilung... ich hätte gedacht, er mache sich Sorgen, dass er gehänselt werde, weil es vorne fast so aussieht wie bei einem Mädchen. Aber nein. D. macht sich diese Sorgen überhaupt nicht. Und... keiner hat ihn je gehänselt.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung teilweise anders... aus der Schule. Ich war übergewichtig. Und ich wurde gehänselt. Nicht dauernd, aber immer wieder mal. Aber komischerweise im Sportverein überhaupt nicht. Nur in der Schule. Und das hängt natürlich davon ab, ob Lehrer überhaupt ein Auge auf so etwas haben (hatten sie vor 50 Jahren nicht).

Also schrei! Schrei, was das Zeugs hält. Nimm Dir vor, der Lauteste zu werden. Und wenn Du Dir Sorgen machst, dass man Dich deswegen aufziehen könnte, dann mach Dir ein T-Shirt, wo vorne drauf ein Hahn ist und darunter steht "Lautester Krächzer ever!" Steh dazu, dass Du gerade so klingst, wie Du klingst! Wenn Du dazu noch etwas "Übungsraum" brauchst, such Dir einen Freund und sag ihm "Hör mal, ich will üben, mich an meine Krächzstimme zu gewöhnen, lass uns mal üben..." und dann geht Ihr in den Wald, geht immer weiter auseinander, und unterhaltet Euch, aber am Ende müsst Ihr eben brüllen, damit Ihr Euch versteht. Ich wette, Dein Kumpel spielt mit und macht Dir am Ende noch Mut, dass Du Dich damit gut hören lassen kannst.

Es ist wie mit allem. Man muss zu seinen Eigenschaften stehen, sich vor die Welt stellen und laut hinausposaunen: "So bin ich, und das ist gut so!" Vielleicht bist Du zu jung, um Wowereit zu kennen? Der hat als Berliner Bürgermeister, als die ersten Gerüchte zu seiner Sexualität aufkamen, sich hingestellt und laut ins Mikro gesagt: "Ich bin schwul, und das ist gut so!" Seither ist das ein Spruch, der sehr bekannt ist und dafür steht: man soll zu sich und seinen Eigenschaften stehen.

Schade, dass Du die tiefe Stimme nur als "Notlösung" akzeptierst... "immerhin besser als das Gekrächze". Wäre schon gut, wenn Du Dich damit anfreundest, dass Du ein Mann wirst. Dass Du größer und stärker wirst, einen Bart bekommen wirst und eine tiefe Stimme. Versuche mal, Dir vorzustellen, wie das ist, wenn Du in ein paar Jahren erwachsen bist. Du kannst dann Auto fahren, bestimmst selbst, wo Du leben willst, was Du studieren willst, mit wem Du Umgang hast etc. ... ich habe mal ein paar "Pluspunkte" herausgestellt, wie sie mir gerade einfallen... sicher fallen Dir auch andere ein. Kannst Du dieser Vorstellung etwas abgewinnen? Ich kenne viele Jungs in Deinem Alter, die sich genau danach sehnen... ich muss schmunzeln: gerade denke ich an einen, der sich pünktlich zum 16. Geburtstag eine Flasche Bier gekauft hat. Die hat er (ein knappes Jahr später) immer noch. Er wollte sie gar nicht trinken. Nur kaufen. ... UND DAS GEHT EBEN ALLES NUR "MIT BART"... und mit tiefer Stimme. Du wirst nicht erwachsen werden ohne all diese Umstellungen. Stell Dich also hinter dem Steuer eines Autos vor, das nach Portugal fährt (keine Ahnung, was Du Dir in Deinen wildesten Träumen von Freiheit so vorstellst)... und Du sitzt also hinter dem Steuer, hast einen langen Bart, und eine tiefe Stimme... cool?

Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, Dir etwas Mut zu machen, Dich so zu nehmen wie Du bist. Würde mich freuen, wenn davon wenigstens das eine oder andere bei Dir "verfängt".

Liebe Grüße
und sei laut!
Dein Christian

Christian
Teamer
Beratung4Kids
Niklas_h 10.06.2021 19:47

Hey Christian,
ich glaube damit kann ich etwas anfangen. Ich werde es die nächsten Tage mal beobachte, wie es läuft und melde mich dann nochmal.
Viele Grüße
Niklas