Thema: Antriebslosigkeit

Eröffnet am 29.05.2020 um 21:06 Uhr

Niklas_h 29.05.2020 21:06

Hallo,
ich bin Niklas 13 Jahre alt und gehe in die 8. Klasse an einem Gymnasium. Erstmal zu mir. Ich spiele Hockey, Horn und Klavier, begeistere mich für den Anbau von Gemüse. Bin in einem Verein für Naturschutz, welcher sich wöchentlich trifft und zaubere gerne. Letzteres mache ich bisher als Hobby, es ist allerdings mein großer Berufswunsch einmal selbstständiger Zauberer zu sein. An anderen Ideen mangelt es mir eigentlich auch nie. In letzter Zeit wird mir das alles allerdings zu viel und ich überlege deshalb mit horn aufzuhören. Außerdem habe ich seit ca. 1 Jahr dauernd die Befürchtung zu dick zu sein oder zu werden.
Meine Eltern erlauben mir mir 1 Stunde 20 Minuten pro Tag am Handy zu sein, was ich gut finde. Aber ich bin trotzdem oft länger dran, weshalb ich oft abends unzufrieden bin. Was kann ich dagegen tun? weiteres Problem was ich seit einiger Zeit habe ist, dass ich alles daran werte, ob es mich weiterbringt. Dann bin ich abends oft unzufrieden weil ich ja "so wenig" geschafft habe. Denn auch wenn ich etwas mit meiner Familie spiele denke ich danach oft, dass das verschwendete Zeit war.
Und noch eine Sache die vielleicht wichtig ist. Ich bin sehr anfällig Krankheiten gegenüber und hatte schon oft längere Krankheitsphasen, von denen kein Arzt wusste was ich für eine Krankheit habe. Vor einem halben Jahr hatte ich auch einmal ca. einen Monat lang fast täglich Kopfweh. Was aber dann auf Eisenmangel (ich bin Vegetarier) zurückzuführen war. Vor der Coronazeit hatte ich auch eine Kopfwehphase in der ich auch Antriebslos war. Nach dem ich dann aber statt von 22 Uhr um 20 Uhr ins Bett gegangen bin ging dass dann auch weg (ich muss um 6 Uhr aufstehen).
Letze Woche (ich gehe erst nach den Pfingstferien (in Bayern fangen diese Morgen an) wieder in die Schule) bin ich immer um neun spätestens halb Zehn ins Bett gegangen und um sechs Uhr aufgestanden, um möglichst früh mit den Schularbeiten fertig zu sein. da hatte ich auch manchmal leichtes dumpfes Kopfweh im Hinterkopf, aber nur wenn ich denn Kopf geschüttelt habe. Jetzt bin ich seit drei Tagen sehr Antriebslos und hatte die beiden letzen Tagen schwaches Kopfweh beides ginge weg wenn ich etwas mit anderen unternommen habe. Vor drei Tagen habe ich wohl zu wenig geschlafen, weshalb ich danach ausgschlafen habe. Dienstag als alles anfing 11:30 bis 10 Uhr; Mittwoch 10 bis 8 Uhr; Donnerstag 11 bis 9 Uhr. Trotzdem das Kopfweh und die Antriebslosigkeit, mit welcher heute seit zwei Stunden auch eine Niedergeschlagenheit einher kommt. Durch die Antriebslosigkeit lieg ich dann nur herum und schaue Videos und höre Hörspiele, wodurch ich wieder unzufrieden werde. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich wenn ich antriebslos, frustriert oder mit mir selbst unzufrieden bin mir schnell mal eine Hand süßes in den Mund stecke. Wie gesagt "vergesse" ich diese Antriebslosigkeit aber wenn ich etwas unternehme oder ähnliches wie Hockeytrainign oder mich mit Freunden treffen. Aber etwas, was vorher nicht geplant ist zu tun wie zaubern üben, dazu kann ich mich in letzter Zeit ( wegen der ANtriebslosigkeit) kaum hochraffen.
Jetzt habe ich Angst, dass das der Anfang einer Depression ist und auch wenn nicht, wüsste ich gerne was icht tuen kann. Mache ich mir selbst vielleicht mit den Hobbys etc. , wo ich ja selbst oft überfordert bin, zu viel Druck?
Liebe Grüße
Niklas
Christian Teamer(-in) 31.05.2020 10:04

Hallo Niklas,

ich bin Christian und Teamer hier bei B4K. Gut, dass Du Dich mit Deinem Problem an uns gewandt hast. Du fürchtest, Du könntest Depressionen bekommen... da ist es sicher gut, mal mit jemandem zu sprechen. Ich will gerne mit Dir zusammen nachdenken, wie Du mit der Situation umgehen könntest.

Am Ende Deines Beitrags stellst Du eine Frage: Du fragst Dich, ob Du Dir zu viel Druck machst. Schon bei den ersten Zeilen Deines Beitrags kam mir dieser Eindruck. Hockey, Horn, Klavier, Gemüseanbau, Naturschutz, Zaubern. Das sind viele, schöne Hobbys. Aber Hobbys sollen vor allem eines: Freude machen. Bei Dir habe ich den Eindruck, dass sie Druck machen. Und das sollen sie natürlich nicht.

Du fragst Dich, wenn Du mit Deiner Familie spielst, was das bringt. Dann frag Dich doch auch mal: Wofür soll es Dir denn was bringen? Was könnte das Ziel sein, für dass Du all diese Mühen auf Dich nimmst?

Es gibt keine nette Kurzgeschichte von Heinrich Böll, sie heißt "Anekdote zur Senkung der Abeitsmoral". Du wirst sie sicher im Internet finden. Ein Tourist will einen Fischer, der einen guten Fang gemacht hat, überreden, noch einmal auszufahren, um noch mehr Fische zu fangen, und er malt ihm aus, wie toll das wäre, wenn er immer etwas mehr fangen würde, als er braucht: er könne am Ende einen Kutter kaufen, wäre reich, und dann könne er im Hafen sitzen und dösen. "Das tue ich doch jetzt schon."

Ich weiß ja nicht, was Deine Ziele sind, dazu kannst Du ja mal was erzählen. Aber vielleicht gehört dazu, dass Du auch mal eine Familie hast und mit Deinen Kindern spielst... und siehe da: das kannst Du jetzt schon haben.

Leben wir, um zu arbeiten? Oder arbeiten wir, um zu leben? Oder ist es noch anders? Wie siehst Du das? Aber eines ist sicher: Wie auch immer man es anpackt, es muss Spaß machen. Sonst macht man etwas falsch.

Ich kann Dich gut verstehen. Manchmal geht es mir auch so. Aber wenn ich dann einen Vogel sehe, wie er nur eine Sorge hat: was futtere ich als Nächstes?, dann denke ich mir, da sollte ich mir eine Scheibe von abschneiden. (Ich tue dem Vogel sicher Unrecht: der muss sich auch um den Nestbau und sein Revier kümmern... aber auch Jesus hat uns die Sorglosigkeit der Vögel ans Herz gelegt.)

Kannst Du Dich eigentlich selbst gut aushalten? Es gibt ja so Situationen, wo man auf sich selbst zurückgeworfen ist, nichts machen kann: Der Zug fällt aus und man muss zwei Stunden im Bahnhof sitzen. Man hat nicht damit gerechnet und daher nichts zu Lesen dabei. Der Handyakku ist leer, Daddeln geht also auch nicht. Man hat nur sich. Es ist auch kein anderer da, mit dem man sich unterhalten könnte. Kommst Du damit klar? Oder wäre das eine total blöde Situation für Dich?

Gut, dass Du selbst merkst, dass Süßigkeiten keine Lösung sind. Was könnte denn eine Lösung sein?

Ich würde mich freuen, von Dir wieder zu hören. Die kommenden Tage sind frei: genieße sie. Was auch immer Du tust... oder nicht tust! Auch Nichtstun will gelernt sein! (Ich hatte mal einen Spruch an der Wand... nein, ich sehe gerade, ich habe den immer noch an der Wand: "Wenn ich die Kraft dazu hätte, würde ich gar nichts tun!")

Frohe Pfingsten
Dein Christian

Christian
Teamer
Beratung4Kids
Niklas_h 04.06.2020 13:36

Hallo Christian,
danke für die schnelle Antwort. Nachdem ich über deine Frage nachgedacht habe, ist mir auch klar geworden, dass man arbeitet um zu leben, und ich nicht alles daran messen sollte ob es mir etwas "gebracht hat" (schulisch oder zum Beispiel zum Zaubern). Ich habe mir das dann immer wieder vor Augen gerufen. Und dann auch mal einen tag lang fast nur gelesen. Ich war danach dann zwar wieder kurz unzufrieden, dass habe ich aber in den Griff gekriegt. Horn macht mir auch kaum noch Spaß deshalb werde ich damit aufhören, auf alles andere könnte ich aber im leben nicht verzichten. Und aushalten kann ich mich eigentlich sehr gut. In so einer Situation würde ich recht schnell anfangen, über alles mögliche nachzudenken. Zum Beispiel neue Tricks oder ich überlege mir andere dinge in der Realität, wie zum Beispiel welche Pflanzen als nächstes gedüngt werden müssen oder in der Fantasie, wie zum Beispiel irgendwelche Superhelden anzüge oder Fahrzeuge.
Meine eigentliche Frage ist aber ob es normal ist, dass ich manchmal so antriebslos bin?
Und ich habe noch ein weiteres "Problem". Meine Mutter ist dauernd gestresst. Sie arbeitet Vollzeit und muss sich auch noch um viele organisatorische Dinge für mich und meine 2 Jahre jüngere Schwester kümmern. Auch an den Wochenenden hat sie nur selten Zeit, dass wir als Familie etwas spielen können. Sie arbeitet von Zuhause und deshalb meistens auch am Wochenende und oft bis ca. 12 Uhr. Wenn sie dann freie Zeit hat nutzt sie diese um die Gartenhäuser von uns zu waschen und neu zu streichen, Unkraut zu jäten und, und, und. Aber dass dann zu genießen schafft sie nicht. Sie ist eigentlich immer beschäftigt.
Ich glaube nicht, dass ihr das gut tut. Und ich finde es auch Schade, dass sie nur so wenig Zeit für uns hat. Ich habe sie auch schon öfter darauf angesprochen. Aber sie sagt immer nur, dass irgendwer es ja tun muss.
Liebe Grüße
Niklas
Christian Teamer(-in) 05.06.2020 12:42

Lieber Niklas,

es freut mich, von Dir zu hören *Lächelnd* Und auch das, was ich da höre: Du schaffst es, einen ganzen Tag zu lesen, ohne unzufrieden mit Dir zu sein! Bravo! *Lächelnd*

Und dann freut mich, dass Du nicht nur über Dinge in der Realität nachdenkst, was als Nächstes getan werden muss, sondern auch über Dinge in der Fantasie. Ich finde es total legal und für jedes Alter altersgerecht, über Superheldenanzüge nachzudenken *Lächelnd*))

Deine Antriebslosigkeit hatte ich vor allem im Rahmen Deines eigenen hohen Anspruchs an Deine "Zeitauswertung" gesehen... wenn man sich keine frei Minute gönnt, weil man ja stattdessen "was Sinnvolles" machen könnte, wird schnell aus einer Verschnaufpause eine "krankhafte Antriebslosigkeit". Aber wenn Dir auch nach Deinen neuen Erfahrungen, dass man ja einen ganzen Tag lesen kann, ohne sich Vorwürfe machen zu müssen, diese Phasen der Antriebslosigkeit ein Problem sind, dann frag ich mal:

Wie oft hast Du das? Wie lange dauert es an? Behindert es Dich in der Umsetzung Deiner Ziele? Und damit meine ich nicht dieses "ich muss um jeden Preis etwas 'Sinnvolles' tun", sondern: Leiden die Zensuren? Vernachlässigst Du Deine Pflanzen, so dass sie eingehen, oder den Klavierunterricht, so dass der Lehrer unzufrieden mit Dir ist? Ist Deine Antriebslosigkeit ein Phänomen, das nur Dir auffällt, oder sprechen Dich auch andere darauf an, z.B. weil sie etwas von Dir erwarten, was dann nicht kommt, oder einfach "weil sie Dich anders kennen"?

Du musst mir natürlich nicht antworten. Vielleicht reicht es sogar, wenn Du Dir selber das beantwortest... und daraus ableiten kannst, wie "ernst" Dein Problem ist. Aber wenn Du mir die Fragen beantwortest, kann ich versuchen, Dir bei dieser Einschätzung zu helfen.

Deine Mutter ist... Deine Mutter. Klingt für mich sehr nach "Niklas". Keine Zeit fürs Spielen, immer etwas angeblich Notwendiges tun. Noch einmal Literatur, diesmal ein Gedicht von Wilhelm Busch:

Wirklich, er war unentbehrlich!
Überall, wo was geschah
Zu dem Wohle der Gemeinde,
Er war tätig, er war da.

Schützenfest, Kasinobälle,
Pferderennen, Preisgericht,
Liedertafel, Spritzenprobe,
Ohne ihn, da ging es nicht.

Ohne ihn war nichts zu machen,
Keine Stunde hatt' er frei.
Gestern, als sie ihn begruben,
War er richtig auch dabei.

Busch nannte das Büchlein, in dem das Gedicht drin ist, "Kritik des Herzens". Ich wünsche Dir, dass Du immer auf Dein Herz hörst, und viel Spaß dabei hast. Vielleicht kannst Du Deiner Mutter einfach ein gutes Beispiel dafür geben, wie man das Leben genießt *Lächelnd*

Herzliche Grüße
Christian

Christian
Teamer
Beratung4Kids