Thema: Mein Stiefbruder

Eröffnet am 16.09.2019 um 21:23 Uhr

mfaltermeier 16.09.2019 21:23

Hi,
mein Name ist Moritz. Das wird jetzt ein bisserl länger, weil ich schon eine ganze Zeit darüber nachdenke.
Ich hab einen Stiefbruder der ist nur 3 Wochen jünger als ich. Wir werden beide dieses Jahr noch 16. Er kam zu uns, als ich 7 Jahre alt war. Seine Eltern sind damals tödlich verunglückt und meine Eltern haben ihn damals zur Pflege aufgenommen. Mittlerweile haben meine Eltern ihn adoptiert. Meinem Dad ist das Behördenzeug auf die Nerven gegangen und seit der Adoption ist halt alles unkomplizierter.

Es war damals ziemlich stressig, als er zu uns kam. Mein Dad sagt, ich war damals ein ziemlich verwöhntes Einzelkind, wir haben darüber schon öfter geredet, aber ich kann mich da fast nicht mehr erinnern. Auf jedenfall sind wir trotzdem sehr schnell allerbeste Freunde geworden und sind es bis heute. Wir haben genügend andere super Kumpels, aber mit meinem Stiefbruder wurde es noch viel mehr, ihr wisst schon, was ich meine. Geoutet sind wir seit 2 Jahren, naja war gar nicht so leicht. Unseren Nachbarn und den übrigen Leuten im Dorf die wir gut kennen ist es ziemlich wurscht, der Verwandschaft meiner Mutter auch. Nur die Verwandschaft von meinem Dad machte einen mords Tertz. Naja, mein Dad legt da nicht viel Wert drauf, er galt ja schon immer als "schwarzes Schaf" in der Familie. Ich mag sie auch nicht. Jeder von denen, egal ob meine Großeltern oder meine Vettern, haben zu allem und jedem immer gleich eine siebengscheite Meinung, egal ob sie darüber genaueres Wissen oder nicht. Und überhaupt sind sie alle die perfekten Menschen, ausser mein Dad und seine Familie. Als sie erfahren haben, dass meine Eltern meinen Stiefbruder zu sich aufnehmen, gabs schon ziemlichen Streit mit denen, vir allem, weil mein Stiefbruder Schwarzer ist. Seine Eltern stammten beide aus Ghana. Naja, "Familie, Stammbaum, und deren Reinheit" ist bei Dads Familie halt ziemlich wichtig. Ausländer werden tolleriert, weils "politisch korrekt" ist, aber wenn ein Schwarzer Ausländer in die Familie kommt, dann ists vorbei mit der Tolleranz.

Und seit zwei Jahren, seit sie wissen, dass wir eine schwule Beziehung haben, krachts halt. Meine Vettern von denen sind die größten Arschlöcher, nicht nur in der Schule, aber da kommen wir halt mit ihnen zusammen. Mein Onkel ist da nicht viel besser. Naja und die Großeltern geben die Richtung vor. Ich mag sie nicht mal Oma und Opa nennen. Die haben nix von einem Opa und einer Oma.

Naja. Meine Eltern ignorieren sie mittlerweile, meinem Stiefbruder ist es auch wurscht, freundschaftlichen oder familieren Kontakt hatte er ohnehin nicht mit ihnen, obwohl er sich manchmal schon darum bemühte.

Ich weiß, ich kann eigentlich auch nix dagegen tun und ansonsten habe ich eigentlich ein super Leben, vor allem mit meinem Stiefbruder. Ja eigentlich das perfekte Familienleben, wenn diese Verwandschaft meines Dads nicht wäre. Unsere Freunde sehen das auch so. Aber mich beschäftigt das einfach, und jedesmal wenns Zoff gibt, reg ich mich ewig darüber auf. Mein Dad meint, ich solle lernen, "Abstand zu gewinnen, dort wo es notwendig ist". Aber irgendwie kann ich das nicht, und ich glaube, die merken das auch, weil sie bei jedem Zoff immer bei mir ansetzen. Meinem Stiefbruder lässt das auch ziemlich kalt, naja er ist ja auch nicht mit ihnen verwandt.

Kann es sein, dass das an meiner Pubertät liegt, dass mich das nicht loslässt? Deswegen hab ich das auch hierher geschrieben.

Viele Grüße
Moritz
Christian Teamer(-in) 19.09.2019 09:14

Hallo Moritz,

gut dass Du Dich mit Deiner Frage an uns wendest. Hoffentlich können wir Dir weiterhelfen.

Zunächst einmal möchte ich Dir gratulieren zu Deiner Freundschaft mit Deinem Stiefbruder. Wobei das "wurde es noch viel mehr, ihr wisst schon, was ich meine" noch das Sahnehäubchen obendrauf ist... aber ich sage mal gleich: Die Freundschaft als solche ist das Wichtigste. Vielleicht findet er oder findest Du irgendwann mal doch einen anderen Jungen attraktiver... dann wäre das so. Hauptsache, Eure Freundschaft ginge über so etwas nicht kaputt. Denn mit seinem Bruder oder Stiefbruder gut Freund zu sein, das ist eine ganz tolle Sache, die fürs ganze Leben wichtig ist. Erhalte Dir das.

Verwandtschaft... es gibt ganze Bücher über die Last, die man manchmal mit der Verwandtschaft hat. Andererseits ist es natürlich manchmal auch wichtig, gute Beziehungen zur Verwandtschaft zu haben. Aber man kann nicht mit jedem gute Beziehungen haben. Man kann seinerseits freundlich und entgegenkommend sein... aber wenn das von der anderen Seite nicht erwidert wird, dann ist das eben so. Am besten, man entwickelt dann keinen Hass... aber ewig hinterher laufen muss man auch nicht.

Ich glaube, Dein Dad hat da schon den richtigen Ton getroffen: Abstand gewinnen. Aber Du schreibst, dass Dich das nicht löslässt. Magst Du etwas genauer schreiben, was Du damit meinst? Hast Du schlaflose Nächte? Groll? Bauchschmerzen? Was bedeutet Dir dieser Konflikt?

Ich würde mich freuen, von Dir zu hören.
Dir und Deinem Stiefbruder alles Gute
und herzliche Grüße
Christian

Christian
Teamer
Beratung4Kids
mfaltermeier 20.09.2019 19:22

Hallo Christian,
danke für deine Antwort. Naja, Groll und Bauchschmerzen habe ich deswegen nicht und schlaflose Nächte auch nicht, so schlimm ist es dann doch nicht. Aber die Verwandtschaft von meinem Dad nervt halt einfach, wenn sie da sind. Die Großeltern fragen ständig, ob ich schon mit der Terapie angefangen hab. Die glauben tatsächlich Schwulsein wäre heilbar, als wenns eine Krankheit wäre. wenn ich dann sage, so einen sch... brauch ich nicht, dann fängt der Streit wieder an: Ob mir die Familie gar nix bedeutet, wie ich mir meine Zukunft vorstelle, und der ganze Schmarrn halt. Meinen Bruder (das Stief- lasse ich jetzt einfach mal weg), den ignorieren sie komplett. Dads Bruder ist auch net besser. Der bringt dann immer seine beiden Söhne ins Spiel, wie stolz er auf sie ist, und sie sind die Zukunft der Familie. Toll, der ältere geht jetzt auch in meine Klasse, genau wie der jüngere. Der Ältere dreht ne Ehrenrunde (obwohl beide doch so fleissig sind). Beide haben nix besseres zu tun , als in der Klasse ständig unsere schwule Beziehung durch den Dreck zu ziehen. Trotzdem mag sie keiner. Und Freundinnen hatten sie noch auch noch nie. Wen wunderts. Neuerdings haben sie es auf meinen Bruder abgesehn: Machen Affengesten, schubsen in rum, usw. Naja, er hat sich das nicht lange gefallen lassen. Er packte den Älteren , drehte ihn auf den Kopf und drückte ihn mit den Beinen an die Wand wo er dann runterhing. War schon ne Schau, alle lachten. Und der Depp fing dann doch zu heulen an, mit 17 Jahren! Eigentlich sollte er aber wissen, dass mein Bruder ihm körperlich überlegen ist. (Wir sind beide Ringer) Tja und gestern abend kam dann mein Onkel mit den Großeltern und machten deswegen einen riesen Tertz. Sogar meinem Dad wurde es dann zuviel und er hat sie rausgeschmissen und sie sollen sich auch nicht mehr blicken lassen.
Heute war Funkstille und ich bin ganz froh darüber, wenn ich von denen nix höre. Naja, schaun wir mal, wie es weitergeht.

Schöne Grüße, auch von meinem Bruder *Zwinkern*
Moritz
Christian Teamer(-in) 21.09.2019 09:49

Hallo Moritz,

wenn ich das richtig verstanden habe, hast Du damit weniger das Problem, dass Dir der Streit nachgeht und Du schlecht schlafen kannst oder so... es ist aber natürlich trotzdem nicht schön, dass es deswegen zu Streit kommt. Zu Streit mit Menschen, die einem eigentlich wichtig sein sollten, die einem Halt geben sollten. Man kann sich seine Familie ja leider nicht aussuchen, und nicht immer ist alles so, wie man sich das von einer gute Familie erhofft.

Du hast Deinen Dad auf Deiner Seite. Das ist viel wert. Im Grunde könntest Du es gelassen sehen. Wenn die Großeltern nerven, Ohren auf Durchzug stellen. Vielleicht einfach aufs Zimmer gehen. Aber anscheinend schaffen sie es, Dich zu provozieren. Wenn sie von Therapie sprechen, sagst Du, so einen Sch... brauchst du nicht. Für meine Ohren klingt das genervt... bist Du dann genervt? Es wäre absolut nachvollziehbar.

Aber wenn man es natürlich schafft, da drüber zu stehen und sich nicht nerven zu lassen, wäre das noch besser. Alte Leute (ich weiß jetzt nicht, wie alt Deine Großeltern sind, aber ganz jung werden sie nicht sein) können oft nicht mehr umlernen. Früher war die Gesellschaft so, dass man meinte, Homosexualität sei eine Krankheit, die man heilen könne und müsse. Wenn sie das in ihrer Jugend und auch lange danach noch so gelernt haben, wird es ihnen schwer fallen, umzudenken. Das soll sie jetzt nicht verteidigen, aber vielleicht hilft Dir das zu Gelassenheit, wenn sie mal wieder blöde Fragen stellen. Um es mal überdeutlich zu formulieren: Wenn Du einem geistig Behinderten begegnest und der in der Schwachheit seines Geistes nicht zurecht kommt damit, dass Du einen anderen Jungen küsst, einen schwarzen dazu, dann wirst Du keinen Streit mit ihm anfangen. Du hast dann eher Mitleid mit ihm.

Deine Großeltern sind nicht geistig behindert. Sie schaffen es, Dich zu provozieren. Du kannst natürlich versuchen, ihnen statt genervt humorvoll zu antworten. "Therapie? Ich hab lange gesucht, aber ich habe keine Therapie gefunden, die euch zu toleranten Menschen machen würde..." Das kann gut für Dich sein... es tut Deiner Seele besser als eine genervte Antwort. Es wird aber vermutlich genauso wenig dazu beitragen, dass Euer Verhältnis wieder ins Lot kommt, dass sie Dich akzeptieren, wie Du bist. Vermutlich verstehen sie den Spaß nicht... aber wie gesagt: zumindest für Dich könnte das eine Alternative sein.

Wenn Du es aber mal ganz ernsthaft mit den Großeltern versuchen willst, dann drück ihnen ein gutes Buch in die Hand. Ich suche gerade eines, das ich Dir empfehlen könnte - es kann noch etwas dauern, bis ich mit einem Titelvorschlag rüberkomme. Du kannst aber auch selber suchen. Es gibt einige Bücher zum Thema "Hilfe, mein Kind ist homosexuell". Wobei Du das Buch dann auch zunächst mal selbst lesen solltest, und Du solltest es gut finden. Wenn dass der Fall ist, kannst Du Deinen Großeltern sagen: "Hört mal, ich möchte mich mit euch vertragen. Aber ihr greift mich immer an wegen meiner Homosexualität. Können wir uns darüber nicht mal ganz gesittet unterhalten? Ich habe hier ein Buch gefunden, das erklärt das Thema eigentlich ganz gut. Ich schenke es euch, und ich würde mich freuen, wenn ihr das lest. Und danach können wir uns ja mal darüber unterhalten. Was haltet ihr davon?"

Aber vielleicht ist ja bei Deinen Großeltern Hopfen und Malz verloren. Du musst wissen, ob es einen Versuch wert ist. Ich sag mal: kaputt machen kannst Du mit so einem Vorstoß sicher nichts.

Das mit der Schule scheint Ihr ja im Griff zu haben, oder? Klar, Gegenwind ist immer, aber den haben auch Rothaarige, Kleinwüchsige, Brillenträger... es gibt immer ein paar Idioten, die meinen, sich an vermeintlich Schwächeren auslassen zu müssen. Weil sie selbst kein Selbstwertgefühl haben und das Mobben von Schwächeren brauchen, um sich stark zu fühlen.

Ich wünsche Euch beiden viel Freude miteinander, und lasst Euch nicht unterkriegen! *Lächelnd*
Herzliche Grüße
Christian

Christian
Teamer
Beratung4Kids
Christian Teamer(-in) 22.09.2019 19:44

Hallo Moritz,

das Beste, was ich im Internet gefunden habe, ist eine Liste von Büchern, die eine "Elterngruppe homosexueller Kinder Stuttgart" zusammengetragen hat. Ich darf hier keine Links posten, aber wenn Du in Google eingibst:

Bücherliste Elterngruppe homosexueller Kinder Stuttgart

dann landest Du unweigerlich bei dieser Seite. Da steht zu jedem Buch auch noch was dazu, was einen dort erwartet. Vielleicht kannst Du von daher Dir ein Urteil bilden, was Dir und dann vielleicht Deinen Großeltern etwas bringen könnte. Das erste Buch scheint vergriffen. Die anderen findet man alle bei Amazon oder im Internet. Ich selbst fand die Broschüre vom Hessischen Sozialministerium recht gut. Die findet man auch im Internet.

Vielleicht hilft Dir das etwas weiter.

Herzliche Grüße
Christian

Christian
Teamer
Beratung4Kids