Thema: Schwul mit einem Flüchtlingsjungen

Eröffnet am 17.04.2022 um 15:52 Uhr

Tom06 17.04.2022 15:52

Hi, also sei etwa 3 Wochen leben ein paar ukrainische Flüchtlingsfamilien bei uns im Dorf. So schlimm es für sie ist, aber des funktioniert ganz gut. Alle im Dorf helfen irgendwie mit, wo sie können, auch ich. Zugegeben hat schon auch mit Neugier zu tun, und weil sich im Dorf auch wieder was rührt nach dem ganz Coronazeugs. Und ich hab endlich einen gleichaltrigen Kumpel. Der Typ ist auf den Tag genau so alt, wie ich. Da ist aber noch viel mehr mit ihm und seit Karfreitag weiß ich das ganz genau. Da waren wir zu zweit am See und er hatte Lust, da einfach in den saukalten See zu springen. Hat sich nackt gemacht und ist rein - und mit lautem Gebrüll wieder raus. Ich sah ihn in seiner ganzen „Pracht“. Ein Traumtyp. Ich bin innerlich zerflossen wie Eis in der Sonne. Weiß nicht, hab ich noch nie so erlebt. Dann war halt ich dran. bin auch nackig rein und mit genauso lautem Gebrüll wieder raus. Auch er sah mich nackig. Sprachschwierigkeiten gibts praktisch nicht, er kann recht gut deutsch, zumindest besser wie ich englisch. Wir waren den ganzen Tag noch unterwegs, wenn auch in etwas feuchten Klamotten, wir hatten ja keine Handtücher dabei. War total schön mit ihm. Ich mag ihn sehr, meine besonderen Gefühle wollte ich ihm aber nicht zeigen. Ich hatte Angst, dass danach was passiert, weiß ned. Das schlimmste wäre, wenn sie deswegen von uns weg gehen woanders hin. Ja ich dachte mir, lieber diese schwulen Gefühle verdrängen, dann bleibt er mir wenigstens als Freund. Gestern abend waren wir aber in der Kirche und wir sind alleine heim, nachts ganz allein, nur wir beide - Im Vollmond. Ein Traum. Naja und auf einmal hat er mich geküsst und sich gleich darauf entschuldigt. ihm war einfach danach, und er sagte das war nur um mir seine große Dankbarkeit zu zeigen. ich hab gsagt, des passt schon und hab ihn umarmt. und dann fingen wir beide zu heulen an. hmmm… ich weiß ned, ob er jetzt auch so Gefühle hat, wie ich. Oder ob es wirklich nur die große Dankbarkeit ist, wie er sagt. Wir treffen uns heute abend nochmal. wir treffen uns jeden Tag. Einerseits möchte ich ihm von meinen Gefühlen erzählen und auch wissen, ob er vielleicht doch dieselben Gefühle hat. Andererseits will ich von dieser sehr tiefen Freundschaft absolut gar nix riskieren. Ich will ned mal mit meinem Pap darüber reden, um gar nix zu riskieren. Pap hat nix gegen Schwule. Sein Bruder, mein Onkel ist auch schwul. Mir gehts wirklich nur darum, bei dieser Freundschaft mit diesem Kumpel nix zu riskieren. Oder soll ich es doch probieren? Irgendwie? Aber wie?

Danke schon mal und schöne Ostern
Tom
Christine Teamer(-in) 19.04.2022 18:12

Hallo Tom,
Erst einmal vielen Dank dass du dich an uns wendest. Mein Name ist Christine und bin Teamerin bei Beratung4Kids. Gerne versuche ich dir weiterzuhelfen.

Ich kenne das selbst. Man fühlt sich direkt mit den Personen verbunden, die am gleichen Tag Geburtstag haben - und dann auch noch das gleiche Alter - das ist etwas sehr besonderes. Und ich freue mich für dich, dass euch vielleicht sogar noch mehr als eine tiefe Freundschaft verbindet. Verständlich dass du Angst hast, diese aufs Spiel zu setzen.
Nun sind ja bereits ein paar Tage seit deiner Nachricht vergangen - wie waren die letzten Tage?

Ich kann und möchte dir gar nicht raten, dich für "eine" Seite zu entscheiden, aber vielleicht kann ich dir helfen ein bisschen mehr Klarheit für dich zu gewinnen.
Zuerst einmal - welche Wahlmöglichkeiten hast du? Es klingt so als wenn du Angst davor hast mit ihm darüber zu sprechen. Was aber würde das bedeuten, wenn ihr darüber nicht mehr sprecht? Kannst du das dann einfach vergessen bzw. ignorieren? Wenn ja - Hut ab - ich könnte das nicht und ich hätte immer das Gefühl dass etwas "zwischen uns steht".
Die andere Möglichkeit ist darüber zu reden. Was könnte dann passieren? Dein Vater scheint keine Probleme damit zu haben (was auch absolut normal sein sollte). Welche Antwort wünschst du dir von ihm?
Noch eine Möglichkeit wäre es mit ihm selbst zu sprechen. Was spricht dagegen, ihn in deine Überlegungen mit einzubeziehen? Ihn MIT entscheiden zu lassen nachdem du ihm deine Gedanken und Wünsche mitgeteilt hast? Ihr scheint ja eine ganz besondere Beziehung zu haben, da wäre es ja schön auch über so etwas sprechen zu können. Vielleicht geht es ihm ja ähnlich und er ist genauso verunsichert wie du selbst?!

Vielleicht magst du mir ja antworten und wir überlegen gemeinsam weiter bis du für dich deine Lösung gefunden hast. Ich würde mich sehr darüber freuen.
Viele liebe Grüße
Christine

Christine
Teamerin
Beratung4Kids
Tom06 23.04.2022 13:23

Hallo Christine. Danke für deine Antwort und sorry, wenn ich so spät antworte. Muß aber sein. Nachdem ich meinen ersten Beitrag geschrieben hab, ist mir eingefallen, warum ich nicht einfach meinen Onkel auch frage. Der fands ganz lustig, dass ich mich bei ihm geoutet habe. Hat aber dann auch gemeint, ich solls am Anfang nicht übertreiben mit outing, denn diese Familie ist grad von Krieg geflohen und müssen sich hier erst einleben. die haben aktuell andere Sorgen. Hab ihm recht gegeben, hab da wirklich erst nur an mich gedacht.

Naja, kam dann doch etwas anders. Ostermontag hab ich komplett mit meinem Freund alleine verbracht und abends hat er mich ganz fest umarmt und gesagt, er is schwul und mag mich richtig gerne und er hofft, ich halte das aus. Hat mich praktisch komplett überrumpelt. Ich braucht noch ein paar Stunden um ihm zu sagen, dass ich für ihn genauso fühle. Er blieb bei mir übernacht. Tja, mein Pap und meine Mam sind natürlich auch ned blind. Meine Mam hat am nächsten Tag beim Frühstück direkt gefragt. *ggg* Mein Freund hat genauso direkt geantwortet. Ich wurde nur rot. Aber alles in Ordnung. Gab großes Gelächter, aber wirklich alles in Ordnung. Meine Mam hat ihn nun auch ins Herz geschlossen, hat ihn umarmt. Ich weiß ned, alles ist gut, aber irgendwie auch alles ziemlich schnell auf einmal.

Naja, die Eltern meines Freundes leben nicht mehr, er ist mit seiner Tante geflohen. Die kannte den Bauern in unserm Dorf schon, weil sie da schon lfter als Erntehelferin da war. So wie ich das verstanden hab, hat sich dieser Bauer ziemlich schnell darum gekümmert, dass sie zu ihm kommen können. Naja, aber so wie ich diesen Bauern kenne, sollten wir uns besser zurüxkhalten, also der soll von unserer Beziehung besser erst mal gar nix wissen. hmm.. naja, wir müssen ja nicht mit megaphon durchs Dorf laufen. Schaun wir mal. Spannend und aufregend bleibts auf jeden Fall

Schönen Gruß
Tom
Christine Teamer(-in) 26.04.2022 13:41

Hallo lieber Tom,
das sind ja sehr erfreuliche Nachrichten. Ich freue mich sehr für Dich. Schön dass deine Familie dich so nimmt wie du bist und es dir so leicht gemacht hat. Bestimmt ist dir ein Stein vom Herzen gefallen *Zwinkern*
Genieß die Zeit und lass es auf dich zukommen. Du hast selbst gemerkt - offene Gespräche entpuppten sich in vermeintlichen Sackgassen oft als beste Lösungsstrategie. Klar - man hat natürlich auch Angst vor einem "Gesichtsverlust", aber ich bin mir sicher, bei so einer starken Familie baust du auf sicherem Fundament.
Und für alles weitere gibt es ja auch noch uns *Zwinkern*
Kann ich dir im Moment noch weiterhelfen?
Liebe Grüße
Christine

Christine
Teamerin
Beratung4Kids
Tom06 21.05.2022 20:12

Hi Christine, will mich nochmal melden, auch zum Danke sagen. Bei uns läufts sehr gut. Der Bauer, der meinen Freund und seine Tante aufgenommen hat, ist ganz in Ordnung. Früher war der sehr direkt und ziemlich, naja „derb“. Mittlerweile weiß er aber alles von uns, ist aber kein Problem. Der ist ein ganz guter Nachbar geworden, ich kannte den früher so menschlich und ehrlich gar nicht. Meine Eltern sagen, mit seiner „groben“ Art würde er erstmal alle fernhalten, um seine Ruhe zu haben, wie ein Einzelkämpfer. Aber nun passt einfach alles. Ich bin fast töglich bei ihnen drüben, helfe bei ihm auch mit, zusammen mit meinem Freund. Aber genauso hat er uns unterstützt, als wir in unserem Wald ein großes Käferproblem hatten. Auch da war mein Freund dabei. Da hat sich eine richtig dicke, coole Nachbarschaft entwickelt, die es vorher irgendwie nicht so gab.

Was mich aber immer noch bedrückt: Mein Freund kam zu uns, weil in ihrer Heimat Krieg ist. Mein Leben hat sich wegen ihm und seiner Tante so sehr zum positiven entwickelt, nur weil sie vom Krieg geflohen sind. Meinem Freund gehts anscheinend gut, manchmal frag ich mich, wie er das alles verkraftet. Er wird schon stiller, wenn seine Tante weint, wenn in den Nachrichten kommt, dass Odessa (ihre Heimatstadt) wieder schwer beschossen wurde. Mich bedrückt das auch. Aber das ist so ein komisches Gefühl. Wenns diesen Krieg nicht gäbe, hötte ich nie diesen Freund kennengelernt. Ich wäre auch immer noch ein Stubenhocker, weil ich vorher eigentlich keine richtigen Kumpels hatte. Am See sind wir jetzt fast regelmäßig, ist auch nicht mehr kalt. Andere Kumpels aus unserer Klasse kommen da auch. des hats früher alles gar nicht gegeben. Ich hab soviele Vorteile von diesem Krieg, dass immer ein wenig schlechtes Gewissen dabei ist, weiß ned. Wenns nach mir ginge, soll mein Freund mit seiner Tante einfach dableiben, egal was da in der Ukraine geschieht. Ihre Bekannten und Freunde sind in Österreich untergekommen, denen geht es auch gut. Eigentlich passt alles, wenn dieser schreckliche Krieg nicht wäre, aber ohne diesen Krieg wörs auch nicht so, wie es bei uns jetzt ist. Ich weiß nicht, aber diese Gedanken lassen mich einfach nicht los…

Wollt des nur mal schreiben um meine Gedanken zu ordnen, hm… aber ich glaube, diese Gedanken werd ich so schnell ned los

Gruß
Tom06
Christine Teamer(-in) 23.05.2022 20:02

Hallo Tom,
das freut mich sehr zu hören und ich nehme deinen Dank gerne entgegen, auch wenn ich doch eigentlich gar nichts gemacht habe *Zwinkern* Du gibst ihm ein kleines bisschen Normalität in einer für ihn unwirklichen Phase. Und trotz allem kann ich deine Gedanken sehr gut verstehen. Du freust dich und doch meinst du, dass du das eigentlich gar nicht dürftest. Nur du kannst ja gar nichts für diesen unnötigen Krieg. Und eigentlich solltest du es eher als glückliche Fügung sehen. Stell dir vor, er wäre in eine andere Stadt - oder mit nach Österreich geflüchtet? Dann hättet ihr euch vermutlich auch nicht kennenlernen können.
Was da im Krieg passiert ist schrecklich. Aber wir müssen versuchen uns davon nicht runterziehen zu lassen. Es gibt immer auch schöne Seiten. Ich habe z.B. einer meiner besten Freundinnen kennengelernt, weil in ihrem Heimatland damals Krieg war (Jugoslawien, jetzt Kroatien). Sie ist mit ihrer Familie hierhin geflüchtet und sie haben hier ganz viele Jahre gewohnt. Sie ist nun wieder dort und ich habe sie mehrmals besucht. Das erste mal war ganz schrecklich für mich. Ich bin in das Wohnzimmer gekommen und habe noch die ganzen Einschusslöcher gesehen. Trotzdem ist es etwas, was ich nicht mehr missen möchte - eine Freundin fürs Leben gefunden zu haben. Und wir sind nun seit mittlerweile über 20 Jahren sehr eng befreundet. Auch wenn wir uns aufgrund der Entfernung leider selten sehen, ist es dann jedes Mal so, als wenn wir gestern erst zusammen gesessen haben.

Schau dir die Natur an - da zerstört ein Feuer einen ganzen Wald - aber es schafft auch Platz für neues Leben. Ganz schnell kommen neue Pflanzen wieder aus dem Boden und schaffen wieder eine neue Natur. So kann man das vielleicht gut betrachten. Es ist schrecklich was da passiert - aber DU hast es geschafft ein neues Pflänzchen sprießen zu lassen. Und damit kippst du ein wenig Wasser über das Feuer, was Russland versucht zu schüren. Was meinst du dazu?
Liebe Grüße
Christine

Zuletzt editiert am: 23.05.2022 20:05, von: Christine


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