Thema: Mit Kindern über Transgender reden

Eröffnet am 23.07.2021 um 14:42 Uhr

Unloved-lady 23.07.2021 14:42

Hey zusammen,

ich mache aktuell wieder bei einer Ferienbetreuung im im Betreuerteam mit. Heute haben wir uns mit ein paar Kindern ein bisschen unterhalten und ein Mädchen meinte dann, dass man sein Geschlecht nicht ändern kann. Eine Kollegin und ich haben dann versucht den Kindern zu erklären, dass das eben doch möglich ist und dass es auch Menschen gibt, die sich eben nicht wohl fühlen in dem Körper mit dem sie geboren wurden. Ich fand es wichtig, dass man den Kindern das jetzt schon erklärt und offen darüber spricht. Gerade, wenn das Thema aufkommt. Die Kinder sind alle im Grundschulalter. Ich habe auch versucht zu erklären, dass es nicht schlimm ist, wenn man sich so fühlt und dass es total okay ist.

Jetzt meine Frage: Wie kann ich mit Kindern am besten darüber reden? Was wäre wichtig zu erwähnen und gibt es etwas, das man nicht erwähnen sollte? Habt ihr Tipps? Ideen?

Liebe Grüße
Lady

Wenn dein Lächeln grad nicht echt ist, ist es okay, wenn du es weglässt
Emma St. Peer-Berater(-in) 24.07.2021 22:10

Liebe Lady!

Mein Name ist Emma und wir konnten uns gestern im Chat schon etwas kennenlernen. Gerne möchte ich versuchen, dir bei deinen Fragen weiterzuhelfen.

Ich finde deinen Wunsch, die Kinder an das Thema heranzuführen, auch sehr wichtig und sinnvoll, weil Aufklärung der Diskriminierung entgegenwirken kann und es meiner Meinung nach nie zu früh ist, Kindern Vielfalt beizubringen. Deine Zeile „…dass es nicht schlimm ist, wenn man sich so fühlt und dass es total okay ist“ ist sehr feinfühlig. Ich denke auch, dass es wichtig ist, Kindern zu vermitteln, dass es in Ordnung ist. Das Gefühl und das Wissen lassen sich dann auf ganz Vieles übertragen.

Wenn wir geboren werden, werfen die Ärzte einen Blick auf unseren Körper und entscheiden, uns entweder als Mädchen oder Jungen zu bezeichnen. Die Entstehung der Anatomie unseres Körpers lässt sich gut nachvollziehen, unser Gehirn jedoch entwickelt sich auf eine Weise, die wir nicht vollständig verstehen können. Kinder sind oft sehr neugierig und fragen viel nach. Ich finde es wichtig, dass du weißt, dass man nicht alles wissen kann. Sollte eine Frage aufkommen, die du nicht beantworten kannst, würde ich auch ganz offen sagen, dass du es nicht weißt.

Magst du vielleicht noch etwas mehr darüber erzählen, was dir schwerfällt oder Sorge bereitet? Ich kann mir gut vorstellen, dass es schon schwierig sein kann, das Thema mit den Kindern wieder ins Gespräch zu bringen. Kann es sein, dass du auch Angst hast, etwas Falsches zu sagen? Hättest du gerne noch mehr Informationen zu diesem Thema, um dich sicherer zu fühlen? Ich denke, dass du ein gutes Gespür dafür hast, was gut oder nicht gut wäre. Du kannst dir vertrauen! Ich möchte dir einen Raum geben, deine Bedenken und Ängste mitzuteilen. Ich höre dir zu und versuche, dich zu unterstützen.

Ich wünsche dir einen angenehmen Abend und freue mich, von dir zu hören.

Liebe Grüße,
Emma

Emma St.
Peerberaterin
Beratung4Kids
Unloved-lady 25.07.2021 11:08

Hallo Emma,

Danke für deine Antwort und es freut mich hier wieder von die zu lesen!

Ich hatte das Gefühl, dass die Kinder da sehr offen für das Thema waren. Ich hatte aber auch bei dem ein oder andren Kind das Gefühl, dass sie das nicht richtig verstehen und auch nicht nachvollziehen können. Ich glaube sie verstehen nicht, dass nicht einfach nur eine Phase ist, sondern eine Lebensentscheidung, die man trifft, weil es eine wirkliche Sehnsucht und ein wirklich starkes Gefühl ist, ein Bedürfnis... (Kann man das so sagen?)

Bei der Unterhaltung kam tatsächlich eine Frage, die wir so nicht beantworten konnten. Wir haben den Kindern erklärt, wie diese Geschlechtsumwandlung funktioniert, dass das zum einen durch Medikament funktioniert, aber auch durch Operationen und dass da vorher einige Gutachten geschrieben werden. Also, dass diese Umwandlung nicht einfach so passiert.

Und ja, es ist so wie du sagst. Ich selbst stecke in diesem Thema nicht drinnen und ich habe Angst, den Kindern da irgendein Unfug zu erzählen. Sie sollen ja kein falsches Bild bekommen nur weil ich da versuche mit meinem Halbwissen Aufklärung zu betreiben. Ich werde das Thema jetzt auch nicht ansprechen, aber wenn die Kinder oder ein Kind damit auf mich/ auf uns zu kommt, dann möchte ich da weiter offen mit den Kindern drüber reden können und auch nichts Falsches sagen und irgendein Blödsinn verbreiten. Aber mir geht es da nicht nur bei Transgender so, auch bei anderen Sexualitäten und Orientierungen. So habe ich den Kindern dann auch gesagt, dass da auch Menschen gibt, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen und dann einfach kein Geschlecht haben.

Liebe Grüße
Lady

Wenn dein Lächeln grad nicht echt ist, ist es okay, wenn du es weglässt
Emma St. Peer-Berater(-in) 25.07.2021 14:15

Hallo Lady!

Ich bedanke mich recht herzlich für deine Offenheit und deine ausführliche Antwort.

Du schreibst, dass es Kinder gab, die das Erzählte nicht vollständig nachvollziehen oder verstehen können. Du könntest probieren, es anhand eines Beispiels zu erklären, das den Heranwachsenden im Alltag begegnet. Dabei musste ich sofort an unsere dominante Hand denken - wir werden mit zwei Händen geboren und es ich üblich, mit rechts zu schreiben. Wenn man jedoch Linkshänder ist und immer von einem erwartet wird, dass man mit rechts schreibt, führt das zu sehr viel Anstrengung und Druck. Phasenweise funktioniert es vielleicht, sich anzupassen, aber es wird immer das Gefühl bleiben, dass es falsch ist. Erst, wenn wir so akzeptiert werden, wie wir sind, fühlen wir uns besser.
Ich hätte es nicht besser ausdrücken können; ich denke auch, dass eine große Sehnsucht, ein starkes Bedürfnis und Gefühl der Sache nahekommen könnten. Ich bewundere es, wie du versuchst, dich in das Thema hineinzuversetzen und wie einfühlsam du bist.

Deine Angst, den Kindern ein falsches Bild zu vermitteln, kann ich sehr gut nachvollziehen. Gerne möchte ich dir jedoch ein wenig deines Drucks rausnehmen; du machst den Grundschülern schon einen großen Gefallen damit, dass du überhaupt darüber sprichst. Was wir kennen oder schon einmal gehört haben, wirkt oft nicht mehr "bedrohlich". Wir werden offen und interessiert.

Ich wünsche dir sehr, dass du etwas zur Ruhe kommen und Kraft tanken kannst.

Liebe Grüße,
Emma

Emma St.
Peerberaterin
Beratung4Kids
Unloved-lady 27.07.2021 20:58

Hallo Emma,

ich glaube bei dem Kinde, dass das nicht verstanden hat, würde diese Erklärung nicht helfen. Ich habe mich da heute auch mal mit ein paar Kollegen ausgetauscht und die hatten den gleichen Eindruck. Das Kind versteht viele Dinge nicht. Sie bezieht das alles gleich auf sich. Sie meinte nach unserer Unterhaltung, dass die Erklärungen zu Transgender auf sie passen und die Erklärungen zu den Menschen, die sich eben mit keinem Geschlecht identifizieren. Ich habe den Eindruck, dass sie nicht versteht, dass man sich das nicht aussuchen kann, verstehst du was ich meine.
Ich identifiziere mich zwar nicht mit Transgender, Homosexualität etc., dennoch ist es mir wichtig ein Verständnis und Akzeptanz dafür zu schaffen. Und ich denke, dass geht am Besten, wenn man Kinder früh darüber aufklärt. Kinder sind noch nicht so voreingenommen und deshalb kann man da noch eine gut Wirkung erzielen.

Liebe Grüße
Lady

Wenn dein Lächeln grad nicht echt ist, ist es okay, wenn du es weglässt
Emma St. Peer-Berater(-in) 27.07.2021 23:48

Liebe Lady!

Ich freue mich, von dir zu hören.

Das klingt nach einer schwierige Situation - das Kind kann das, was du ihm vermitteln möchtest, nicht verstehen. Du bist sehr bemüht im Umgang mit den Kindern - daraus (und aus unseren bisherigen Kontakten) schließe ich, dass du sehr viel Geduld hast und auch die Fähigkeit besitzt, dich für Dinge einzusetzen. Das sind besondere Eigenschaften! :)

Meine Idee wäre, dem Kind das Thema "Toleranz" etwas unspezifischer näherzubringen, ohne Begriffe wie "Transgender" und "Homosexualität". Vielleicht ist es für das Mädchen noch zu früh, um sich auf einer Gefühlsebene in jemanden hineinzuversetzen (obwohl ich dir Recht gebe - es ist gut, wenn man Kinder früh darüber aufklärt).
Kindern fällt es oft leichter, andere zu akzeptieren, wenn sie sich selbst akzeptieren. Dabei spielen die Menschen, von denen das Kind umgeben ist, eine ganz entscheidende Rolle; wird es wertgeschätzt und bekommt Aufmerksamkeit und Lob, ist es wahrscheinlicher, dass es ein positives Selbstbild entwickelt. Und dazu trägst du, finde ich, schon eine Menge bei: du nimmst das Kind ernst und möchtest es unterstützen.

Das heißt nicht, dass du es nie zurechtweisen darfst, wenn es einen Fehler macht. Kinder nehmen es nur besser auf, wenn es positiv formuliert wird, z.B. "Das nächste Mal versuchst du es anders" anstelle von "Mach das nicht noch einmal".
Auch, wenn das Mädchen nicht verstanden hat, was du ihr vermitteln wolltest - du hast auf ihre Aussagen ehrlich und respektvoll reagiert. Das kann ihr auch zeigen, dass es okay ist, Unterschiede zu bemerken und zu diskutieren - es jedoch mit Respekt geschehen muss.

Ich möchte gerne noch einen weiteren Gedanken mit dir teilen: Ich habe während des Lesens deiner Beiträge immer das Gefühl, dass du sehr viel bewegen kannst. Du hast Einfluss auf die Dinge, das zeigt das Thema hier auch sehr gut. Du kannst wirklich stolz auf dich sein!

Heute wünsche ich dir, dass du deine eigenen Werte schätzen kannst.

Liebe Grüße und Gute Nacht,
Emma

Emma St.
Peerberaterin
Beratung4Kids
Unloved-lady 02.08.2021 19:29

Hallo Emma,

Nun besonders Geduldig bin ich nicht, aber ich arbeite dran. Und wenn mir etwas wichtig ist, dann ist auch die notwendige Geduld dafür da.
Es gab bisher keine weiteren Unterhaltungen mehr darüber. Aber am Mittwoch habe ich Nagellack mitgebracht und habe den Kindern, die wollten dann die Nägel lackiert. Ich hatte auch extra Farben für die Jungs dabei, weil ich mir dachte, dass die vielleicht nicht unbedingt pink und rot haben wollen. Ein Junge kam auch häufiger an den Tisch und ich habe ihn jedes mal gefragt, ob er auch möchte. Irgendwann hat er tatsächlich überlegt. Die anderen Kinder fanden das ein wenig merkwürdig und haben ihn dann teilweise auch ein bisschen komisch angeguckt. Ich glaube, dass war auch der Grund, weshalb er sich dann am Ende doch dagegen entschieden hat. Ich fand das schade. Ich hätte mich da gefreut. Ich habe auch da ein bisschen versucht den Kindern auf zu zeigen, dass auch Männer/Jungs Nagellack tragen dürfen.

Ich habe nicht wirklich das Gefühl etwas bewegen zu können. Wenn dann auch nur bei Kindern. Aber glaube nicht, dass ich da sonderlich erfolgreich bin...

Liebe Grüße
Lady

Wenn dein Lächeln grad nicht echt ist, ist es okay, wenn du es weglässt