Thema: Ich muss reden

Eröffnet am 04.12.2018 um 22:52 Uhr

ButterflysDarling 04.12.2018 22:52

Hallo,
ich darf nicht sagen, wer ich bin, aber ich darf sagen, dass ich ein Problem habe. Und schon alleine der Satz, tut mir gut. Ich darf endlich ganz offen reden.
Ich hab Angst, extreme Angst und kann aber nicht sagen wovor.
Ich bin überfordert und ich hab wieder begonnen mich zu ritzen - habe aber keine Selbstmordgedanken!
Mein Freund hilft mir normalerweise, aber zu dem traue ich mich im Moment auch nicht, vielleicht sollte ich doch mit ihm reden.

Das Leben kann schön sein!
Maren Teamer(-in) 11.12.2018 21:06

Liebe BD,

es freut mich, dass du dennoch im Moment das Positive sehen kannst. Schön, wie du erkennen und akzeptieren kannst, dass nicht jeden Tag die Sonne scheinen kann! So ist das Leben, und leider gehen manche Menschen häufiger durch dunkle Täler als andere. Es ist schön, dass du das akzeptieren kannst.

Vielleicht kannst du dir vor Augen halten, dass du dich in der Pubertät befindest und dein Gehirn immer noch nicht ganz ausgereift ist. Vor allem deine Stimmungsschwankungen können besser werden oder verschwinden, wenn du älter wirst.
Und: Selbst wenn das nicht passiert, gibt es immer Coping-Strategien! Du kannst zwar nicht verhindern, dass die Gefühle dich überwältigen, aber du kannst lernen, mit ihnen umzugehen! Dazu unten mehr.

Zu der Sache mit deinem Freund: Ich finde interessant, dass du schreibst, du konntest es ihm damals sagen, als er nicht ganz ehrlich war, also Schwäche gezeigt hat. Denkst du etwa, dass du deinem Freund nicht einfach so von deinen Schwierigkeiten erzählen solltest? Warum geht das nur in so einer Situation?

Ich merke, dass du nicht genau sagen kannst, woher die negativen Gefühle kommen. Ich konnte herauslesen: Angst, Einsamkeit, Traurigkeit, Überforderung, Erschöpfung und Zurückweisung/Ablehnung (von deinem Freund). Das sind jede Menge sehr unangenehmer Gefühle!
Was du nach dem Schneiden empfindest: Erleichterung.

Ich kann gut verstehen, dass du dich von der ganzen Last erdrückt fühlst. Du beschreibst das sehr treffend mit dem Fass, das überläuft. Und du hast vollkommen recht, irgendwo muss das Wasser ja hin! In deinem Fall ist es die innere Anspannung, die so groß wird, dass du sie nicht mehr kontrollieren kannst und sie sich Bahn bricht. Das ist vollkommen verständlich, aber total schädlich!
Viel besser wäre es doch, wenn du selbst entscheiden könntest, was mit der Anspannung passiert, oder? Das kannst du aber nur, solange das Fass noch nicht ganz voll ist. Wenn es schon überläuft, ist es zu spät.
Aber solange sie noch nicht so groß ist hast du ganz viele Möglichkeiten, deine Anspannung zu reduzieren. Einige Menschen machen Sport, andere gehen in den Wald und schreien so laut sie können.
Willst du denn einen Weg finden, mit deiner Anspannung umzugehen? Einen, der dir weder psychisch noch körperlich schadet?

Möchtest du dir zusätzlich einmal deine Umwelt anschauen und überlegen, wo du unnötige Belastungen reduzieren kannst? So kannst du etwas dafür tun, dass das Fass weniger schnell voll läuft. :)
Sehr hilfreich: die eigenen Ansprüche an dich herunterschrauben, zum Beispiel kann man nur scheitern, wenn man sich vornimmt, immer nur eine 1 oder 2 zu schreiben. Stattdessen kann man sich sagen, dass die Note egal ist, solange man weiß, dass man sein Mögliches getan hat. Gibt es bei dir solche Dinge, die du etwas "lockerer" nehmen könntest? Dinge, die dich sehr unter Druck setzen und an denen du etwas ändern könntest?
An anderen Dingen wiederum kannst du nichts ändern und das zu akzeptieren ist genauso wichtig. Auf das Verhalten deiner Mutter hast du zum Beispiel keinen Einfluss.

Ich freu mich von dir zu hören!

Liebe Grüße,
Maren

Maren
Teamerin
Beratung4Kids
ButterflysDarling 11.12.2018 22:18

Liebe Maren, wie immer freut es mich von dir zu hören/lesen.

Wenn ich gar nichts positives mehr sehen würde, würde ich morgens nicht mehr aufstehen.

Ich denke mir fällt es leichter mit ihm zu reden, wenn er selbst was verbockt hat, weil ich dann weiß, dass keiner fehlerfrei ist.

Das mit dem lockerer nehmen ist so ne Sache, Dinge die mir persönlich nicht so wichtig sind,sind meiner Mutter wichtig und wenn ich ihren Idealen nicht entspreche, wird die Situation zu Hause...nun ja, sagen wir mal sehr anstrengend und schwierig und das belastet mich noch mehr.
Meine Mutter ist die schwierigste Person die ich kenne, erst heute hat sie mir vorgeworfen, dass ich mich angeblich zu wenig in der schule bemühe, was nicht stimmt. Vor jeder Prüfung sagt sie mir ich lerne zu wenig und ist dann wütend - im Endeffekt schreibe ich eh eine gute Note-.
Aber sie fängt jedes Mal wieder an und das ist so ermüdend. Manchmal habe ich das Gefühl ich ertrage das alles nicht mehr.
Hinzu kommen diese schrecklichen Kopfschmerzen, die ich nun schon fast jeden Tag habe und die einfach nicht mehr weniger werden.

Das mit dem im Wald schreien finde ich gar nicht mal so schlecht, in letzter Zeit wandle ich meine Trauer oft in Aggression um - ungewollt- aber ist immer noch besser wie wenn ich weinend und zitternd auf dem Boden liege (keine Metapher, ist mir schon öfter passiert).
Ein Freund von mir lädt seine Probleme gerne mal bei mir ab, so von wegen ihm kann keiner mehr helfen und er ist am Ende und so weiter.
Aber wenn ich was habe heißt es nur, dass das ja nicht so schlimm ist und ich positiv bleiben muss.

Aber hey, was wenn positives denken irgendwann mal nicht mehr reicht?!

Liebe Grüße, BD

Das Leben kann schön sein!
Maren Teamer(-in) 13.12.2018 10:59

Liebe BD,
ich möchte dir gerne einmal allgemein rückmelden, dass ich finde, dass du deine Gefühle und deine Probleme sehr gut erklären kannst. Du kannst dich gut ausdrücken!

Du schreibst, dass dein Freund in der Situation "selbst etwas verbockt hat". Und dass keiner fehlerfrei ist. Das klingt für mich danach, als würdest du deine psychischen Probleme für einen Fehler halten, etwas was du "verbockt hast". Hast du denn das Gefühl, du bist dafür verantwortlich? Das würde mich sehr interessieren!

Mein Beispiel mit den Schulnoten scheint eher ungünstig gewesen zu sein. Ich höre heraus, dass du den Druck, den deine Mutter dir macht, nicht einfach an dir abprallen lassen kannst. Ich finde das total verständlich.
Wenn es mir als Jugendliche schlecht ging und mich alles erdrückt hat, habe ich mich oft in Tagträume geflüchtet. Ich bin in Gedanken in meine Zukunft gereist, habe mir vorgestellt was ich alles machen kann, wenn ich von zuhause raus bin - verreisen, studieren was ich will, eine eigene Wohnung. Wie unabhängig und frei ich sein werde. Nach dem Tagtraum hatte ich wieder Kraft und mir war wieder klar, dass die stressige Schulzeit und der tägliche Streit in der Familie ein Ende haben werden.
Vielleicht könnte das etwas für dich sein? Eine Vorstellung von der Zukunft, die dir Kraft gibt und dir deine eigenen Ziel vor Augen hält. Es darf nichts Unrealistisches sein, sonst setzt du dich selbst nur unter Druck!
Gibt es bei dir denn etwas, worauf du dich ganz besonders in deiner Zukunft freust? Vielleicht auf deine erste eigene Wohnung? Eine große Reise nach deinem Schulabschluss? Umzug in eine andere Stadt? Bei mir war es ein Hund, den ich immer wollte und nie haben durfte. Wenn es mir schlecht ging, habe ich Hundebücher gewälzt, das hat mir viel Kraft gegeben. Als ich 19 war habe ich mir endlich einen eigenen geholt.

Was sind denn deine Leidenschaften, deine Träume? :)

Ich kann mir gut vorstellen, dass es kein schönes Gefühl ist, die "emotionale Müllhalde" von jemandem zu sein, vor allem wenn er umgekehrt nicht für dich da ist. Du bist ja bereits psychisch nicht ganz gefestigt, und so eine Rolle macht es für dich nicht leichter. Dass dich seine "Ratschläge" ärgern, verstehe ich nur zu gut! Das ist echt das letzte, was man hören möchte. Als hättest du das nicht schon selbst längst versucht.
Wie könntest du denn in so einer Situation besser für dich sorgen? Kannst du dir vorstellen, ihm direkt zu sagen, dass ihr euch gerne treffen könnt, er sich aber bitte an jemand anderen mit seinen Problemen wenden soll, weil es dich belastet?
Es geht hier um deine eigenen Sorgen und du lehnst ihn ja nicht allgemein ab. Es ist vollkommen berechtigt ihm so etwas zu sagen. So übernimmst du Verantwortung für dich selbst!

Mit deinen Kopfschmerzen wünsche ich dir schnelle Besserung! Das klingt ganz übel, hoffentlich ist es nur vorübergehend!

Liebe Grüße,
Maren

Maren
Teamerin
Beratung4Kids
ButterflysDarling 13.12.2018 15:07

Danke liebe Marren,

Ja natürlich habe ich das Gefühl, dass das mit meiner Psyche ein Fehler ist, dass ich da was verbockt habe, dass ich beschädigte Ware bin. Ich darf nicht so drauf sein, ich hungere nicht, lebe nicht während um mich der Krieg tobt und bin nicht schwerkrank. Ich bin eine undankbare Kuh, ich müsste mich freuen können, dass es mir besser geht, als den meisten anderen auf dieser Welt.
Aber das ganze erschöpft mich so! Immer dankbar sein, immer glücklich sein, ich bin müde davon.

Der Druck ist enorm und das mit den Tagträumen mache ich öfter. Ich will studieren und ausziehen, am Besten in weiter weg.
Später möchte ich einmal auswandern -nach dem Studium- nach Amerika. (Das hört sich für dich vielleicht unrealistisch an, aber das plane ich schon seit ich 10 bin, diesen Wunsch habe ich schon länger als die Depression, das ist mir wichtig)

Ich hoffe auch, dass das nichts ernstes ist, deswegen muss ich auch zum Neurologen und ich hoffe das passt.

Schönen Tag noch, liebe Grüße, BD

Das Leben kann schön sein!