Thema: Borderline

Eröffnet am 26.04.2018 um 20:52 Uhr

Schneeflocke 26.04.2018 20:52

Hallo...
Ich heiße Nele und bin 16 Jahre alt. Ich bin seit ich ca. 6 bin in Behandlung wegen schwierigen Familienverhältnissen und 3 Vergewaltigungen als ich 12 war. Ich habe mich schon oft selbst verletzt. Am Anfang recht oberflächlich aber in den letzten 2 Jahren ist es immer tiefer geworden. Ich schneide immer durch die Faszie, also die Muskelhaut. Ich verletzte mich nicht häufig sondern nur alle 2 Monate ungefähr. Am Montag habe ich mich das letzte mal geschnitten und ich hoffe das es mein letztes mal bleibt. Es wurden alle Wunden genäht. Ich bekam in den arztbrief geschrieben, das ich Borderline hätte und wurde zu meinen Therapeuten geschickt. Die beiden meinten, dass diese Diagnose schon seit einem guten Jahr bei mir im Raum stände, sie es aber nie in meine Akte geschrieben hätten, weil sie wissen was das bedeuten würde. Sie sagten das ich das nun für immer in meiner Akte stehen würde und das ich jetzt nur noch eine beschränkte jobauswahl hätte, da der Staat anscheinend sagt das solch ein Mensch wie ich nicht mit anderen Menschen arbeiten dürfe. Eigentlich war es mein Traum das ich einen sozialen Beruf erlerne und ich Altenpfleger werde oder so, aber das geht jetzt nicht mehr, da dies in meiner Akte steht. Ich mache mir unnötig einen Kopf. Ich habe Angst das ich mein Leben nicht auf die Reihe bekommen werde und das jetzt erst recht alles im arsch ist. Meine Frage ist hauptsächlich an die anderen Borderliner gerichtet: wie seid ihr mit der Diagnose umgegangen und wie geht es euch jetzt?

Liebe Grüße
Nele
Julia B. Peer-Berater(-in) 27.04.2018 22:21

Hallo liebe Nele!

Herzlich Willkommen bei der Beratung4kids! Schön, dass du hierher gefunden hast und dich mit deinem Anliegen an uns wendest. Ich bin Julia vom Peerteam und möchte dich gerne unterstützen, wenn dir das recht ist.

Zunächst einmal möchte ich dir für deine Offenheit danken. Ich finde, dass du in deinem Beitrag sehr differenziert über dich und deine Situation geschrieben hast. Das macht es mir und den anderen Usern leichter dir zu helfen – ein paar Fragen würde ich dir gerne noch stellen. Schau einfach bitte, was davon du beantworten magst. Wenn du auf eine Frage nicht antworten willst ist das auch kein Problem!!

Du hast diese Woche die Diagnose „Borderline“ bekommen – und fragst, wie andere User mit der Diagnose umgehen. Da ich selbst nicht betroffen bin, hoffe ich, dass dir hier noch ein anderer User / eine andere Userin antworten wird, wie es ihm/ ihr so ergeht.
Nichtsdestotrotz: Was denkst du über die Diagnose? Wie stehst du dazu? Meinst du, dass dich die Diagnose ausmacht?
Ich habe bisher immer ganz gute Erfahrungen damit gemacht, wenn man eine Diagnose nicht zu stark an sich heran lässt. Es hat mir geholfen Diagnosen als eine Art „Mittel für die Profis“ zu sehen. Also, dass das, was du fühlst und wie es dir geht, jetzt einfach einen Namen bekommt, der den Ärzten und Therapeuten helfen kann, das einzuordnen. Aber du bist immer noch ein Mensch mit vielen Facetten. Du bist doch nicht „nur“ die Diagnose, oder? – Wie siehst du dich?

In Bezug auf die Diagnose scheint dich am meisten die Sache mit der Jobauswahl zu beunruhigen. Sehe ich das richtig?
Deine Therapeuten haben dir gesagt, dass du nun keinen Beruf mehr mit Menschen ausüben darfst. Magst du da vielleicht noch einmal bei deinen Therapeuten nachfragen, wie sie das gemeint haben? – Mir persönlich ist eine solche Regelung nämlich nicht bekannt!
Davon ab: Ich finde es sehr gut, dass du den Traum hast Altenpflegerin (z.B.) zu werden und würde ihn nicht gleich deswegen aufgeben. Träume können doch auch wichtig sein, um weiter zu kämpfen!! Und vielleicht wird der Traum ja doch auch wahr?! Was bedeutet dieser Traum für dich, denn der Gedanke, dass du es vielleicht nicht mehr können könntest, scheint dich sehr aufzuwühlen und zu verunsichern?

Für heute erstmal soviel. Ich wünsche dir in jedem Fall noch eine gute Nacht und ein schönes Wochenende!

Bis zur nächsten Nachricht, viele Grüße
Julia

Julia B.
Peer-Beraterin
Beratung4Kids
Was du hast, können viele haben;
Was du bist, kann keiner sein!
Schneeflocke 28.04.2018 19:48

Hey Julia!

Schön, dass du mir geschrieben hast .... im Moment fühle ich mich so als wäre die Diagnose das einzigste was ich bin. Ein Mensch ausschließlich bestehend aus Borderline sonst nichts. Natürlich weiß ich, dass das nicht so ist und ich bekomme das auch ständig von meinem Vater und meinem Freund gesagt, aber aus irgendeinem Grund liegt das einfach so schwer auf meinen Schultern. Vor der Diagnose habe ich gesagt bekommen, dass ich Depression habe. Komischer weise hab ich dies komplett gut verkraftet und habe mir nicht weiter darüber Gedanken gemacht. Ich weiß, dass Borderline bei mir definitiv vorliegt und dies auch die richtige Diagnose ist, aber ich kann es dennoch nicht akzeptieren. Ich habe Angst davor, dass ich jetzt ein Mensch bin, der jetzt einfach abgestempelt wird. Wie gesagt habe ich sehr Angst wegen meinem zukünftigen Job, dass mir meine Arbeitgeber keine Chance geben. Gerade als ich meinen engsten Freunden davon erzählt habe, waren die auch erstmal ein wenig schockiert, da es eben nicht nur eine verrübergehende Depression ist. In meinen Augen würde ich als Chef keinen instabilen Menschen anstellen. Hoffentlich mach ich mir einfach nur einen Kopf um nichts...

Liebe Grüße
alhau 29.04.2018 13:37

Hallo Nele,
ich bin hier Userin und bin 21. Auch ich bin Borderliner. Ich habe die Diagnose vor ca.3 Jahren bekommen. Es war damals auch hart für mich, daher kann ich dich verstehen
Seit einiger Zeit in einer Skills-Gruppe. Bis dahin bin ich auch davon ausgegangen einmal Borderline immer Borderline. Aber dort wurde mir erklärt das die Diagnose Borderline dann gestellt wird wenn aus einem bestimmten Pool von Kriterien (z.B selbstschädigendes Verhalten,innere leere, Schwierigkeit Wut zu kontrollieren...)eine Mindestanzahl erfüllt wird. Wenn man jetzt Therapie mehr Kontrolle bekommt und nichtmehr diese Mindestzahl erfüllt hat man auch im diagnostischen Sinn kein Borderline mehr. Somit ist es quasi "heilbar". (Ich hoffe es ist einigermaßen verständlich.)
Was mir auch geholfen hat war eine andere Art der Erklärung von Borderline. Es wurde so erklärt:"Ein Borderliner hat einen Ferrarimotor mit Entenbremsen. Am Ferrarimotor kann man nichts ändern( er hat auch nicht nur Nachteile) aber an den Bremsen kann man Arbeiten." Das ist etwas das mir sehr viel Hoffnung geben hat.
Und davon das man mit dieser Diagnose nicht im sozialen Bereich arbeiten kann hab ich auch noch nie etwas gehört. Ich kenne inzwischen einige Borderliner und einige davon sind in solchen Berufen. Ganz konkret kann ich dir sagen das eine Momentan ein Bundesfreiwilligendienst in einer Kita macht und danach auch etwas in dieser Richtung studieren wird.
Ich hoffe ich konnte dir damit ein wenig helfen und wenn irgendwas unverständlich ist frag ruhig nach.
alhau
Julia B. Peer-Berater(-in) 29.04.2018 20:12

Hallo Nele,

es freut mich, dass du mir geantwortet hast. Wie geht es dir aktuell?

Schön, dass du Unterstützung durch deinen Vater und deinen Freund hast. Und ich finde gut, dass sie dich darin bestärken, dass dich noch viel mehr ausmacht, als „bloß“ die Diagnose Borderline. Und wie du geschrieben hast, weißt du das eigentlich ja auch:) Hast du eine Idee, was sie noch in dir sehen? Welche positiven Eigenschaften zum Beispiel?
Vielleicht brauchst du diesmal einfach ein bisschen länger, um die Diagnose zu verkraften? Das ist völlig in Ordnung! Und gleichzeitig kann ich deine Angst davor, abgestempelt zu werden, nur zu gut verstehen!! – Es wird sicherlich Menschen geben, die Vorurteile haben und versuchen dir den Stempel aufzudrücken - aber: dein Freund und dein Vater tun es nicht! Könnten sie dir da Halt geben? Dir zeigen, dass du mehr bist? Dich in schwierigen Situationen unterstützen?
Die Diagnose scheint dir irgendwie ein bisschen die Hoffnung zu nehmen, dass es dir besser gehen wird und dass du ein „normales“ Leben führen kannst. Sehe ich das richtig? – Wäre das etwas, was du auch bei deinen Therapeuten einmal ansprechen könntest?
Was den Job angeht: Ich kann deine Sorge, dass ein Chef keinen instabilen Menschen einstellt verstehen. Aber, wie auch alhau schon gesagt hat, hast du ja Chancen, dich durch die Therapien noch zu verändern – dich eben zu stabilisieren!! Dann müsstest du deinen Traum bestimmt nicht begraben!
Vielleicht kannst du dich ja auch ein bisschen mit alhau austauschen:)

Bis zur nächsten Nachricht alles Gute und liebe Grüße
Julia




Liebe alhau!
Schön, dass du Nele geschrieben hast! Vielleicht kannst du sie ja etwas als selbst „Betroffene“ unterstützen.
Das Bild mit dem Ferrarimotor gefällt mir sehr gut:)
Auch dir wünsche ich noch einen schönen Abend!

Julia B.
Peer-Beraterin
Beratung4Kids
Was du hast, können viele haben;
Was du bist, kann keiner sein!