Thema: Tanztau

Eröffnet am 09.06.2019 um 23:49 Uhr

scath 09.06.2019 23:49

Hörempfehlung hierzu: By Night - Sophie Hutchings

Ein kahler Raum, ein blaues Holzbett steht am Fenster, dessen Scheiben leicht beschlagen sind. Der Holzboden knarzt bei jeder Bewegung. Auf dem Fenstersims stehen ein paar Pflanzen und die Tasse Tee, die dich warm hält. Man sieht durch das Fenster den kleinen Vorgarten, der auch als Nutzgarten verwendet wird. Es nieselt draußen, an den Kürbissen sammelt sich, wie an den Fensterscheiben, die winzigen Wassertropfen und du siehst zu bis sie immer größer werden und schließlich an der Oberfläche nach unten kullern.
Der Pflastersteinweg führt zu einer selten benutzten Straße. Ansonsten sind nur Felder und Bäume, welche kleine Wälder bilden, zu sehen.
Im Hintergrund hört man ein Klavier, wahrscheinlich aus einem der anderen Räume.
Was gerade noch vollkommene Ruhe war, entwickelt sich zu einem Tatendrang. Die Tasse begleitet dich.
Der Holzboden knarzt wieder als du mit nackten Füßen die kalten Dielen entlang läufst.
Sachte stellst du die Tasse auf dem alten Kaminsims ab. Das Klavier leitet dich, du fängst an zu tanzen. Nichts besonderes, einfach wie du dich gerade fühlst. Erst langsame, sachte Schritte. Alles nimmst du bewusst war. Die Einkerbungen im Holz unter deinen Füßen. Deine kalten Füße mit den blaulackierten Nägeln. Die kühle Luft, die deinen Körper von innen erfrischt sobald du sie einatmest.
Deine Muskeln tauen auf und die kleinen Staubpartikel tänzeln in der Luft um dich herum. Sie folgen deinen Bewegungen als du dich zwischen den verdeckten Möbeln umher bewegst. Deine Arme folgen der Schwerelosigkeit zu dessen Gefühl du angestiftet wurdest. Dein Kopf ist leer, du denkst nicht. Du fühlst. Mit dem Herzen. Wann hast du das letzte Mal wirklich gefühlt? Wurdest nicht vom Verstand geleitet, sondern hast dich deiner Umwelt hingegeben und dich ihr überlassen? Hast all deine Verantwortungen von dir geworfen und bist in deiner Freiheit versunken?
Und für einen kleinen Moment in dieser Friedlichkeit hast du Angst. Angst vor deinen Möglichkeiten in dieser Freiheit. Angst dich in ihr zu verlieren und nie wieder ein Teil von ihr zu sein, sobald der Zauber nachlässt und die Realität dich wieder an sich reißt.
Doch es war nur ein kleiner Moment, denn die Musik trägt dich weiter. Weiter ohne einen Gedanken an etwas anderes zu verschwenden. Du fühlst dein Herz, wie es laut und stark in deinem Brustkorb pocht. Spürst das Blut durch deine Adern rauschen. Es fühlt sich so an als würden deine Sommersprossen auch tanzen wollen. Du stellst dir vor wie sie sich bewegen und wie sie von der einen Wange über die Nase zur anderen tänzeln als wäre es ihre Tanzfläche. Wie Sterne in der Nacht, welche sich bewegen, denn du weißt was unendlich ist kann nicht den Stillstand bedeuten. Aber du bist gefangen in dieser kleinen Zeitschleife und die Zeit scheint still zu stehen, obwohl deine Lebenszeit immer weiter voran schreitet.
Doch bald hat auch diese ein Ende, die Sternenkonstellationen kommen langsam wieder zum stehen und mit den letzten Klängen findest auch du Halt vor dem Fenster.

Es nieselt immer noch. Du blickst in die Ferne, auf die Felder und siehst die Vögel, die in der frischen Morgenluft fliegen und ihre Freiheit genießen.
Dein Moment des Stillstands ist vorbei, aber du bist nicht ratlos, sondern bleibst ruhig.
Endlich ziert dein Gesicht wieder ein Lächeln.
Kein breites. Das braucht es auch nicht, denn es gilt nur dir.
Du hast eine Antwort gefunden. Ganz für dich selbst.
Du bist ruhig. Dein Atem ist stark und du spürst wie sich dein Brustkorb hebt und senkt.

Du lebst.

We're pressing on our bruise just to feel something. // With Confidence - Bruise