Thema: Schwul - ein Problem für meine Eltern

Eröffnet am 04.05.2021 um 22:12 Uhr

nils2002 04.05.2021 22:12

Hei zusammen,

ich bin Nils, 18 Jahre alt und schwul.

Seit Jahren trage ich ein Problem vor mir rum - dass ich schwul bin. Mein Vater ist absoluter Schwulengegner, er hetzt regelmäßig gegen Schwule und weiteres. Dazu kommt dass meine Mum immer hinter ihm steht und sich leiten lässt. (Auch sie sagt herabwürdigende Dinge gegen Schwule).

Mittlerweile habe ich nicht mehr die Kraft meine Sexualität zu verstecken, ich bin verliebt und möchte meinen Freund nicht länger verstecken. Dennoch habe ich große Angst, dass meine Eltern mich vor die Tür setzen könnten, weil mein Vater auch sehr aggressiv wird, wenn ihm eine Sache nicht passt.

Erst kürzlich ist eine Sache passiert, wo ich absolut nicht weiß wie ich damit umgehen soll - mein Vater hat mir ein Video geschickt, wo er sich die Palme wedelt und ejakuliert. Er hat die Nachricht zwar wenige Minuten später gelöscht, dennoch hatte ich es bereits angeklickt, da man in der Preview nur unseren Kellerausgang gesehen hat. Mich ekelt das ziemlich an und seit diesem Tag ist alles noch schwieriger für mich, weil sich unser Verhältnis noch mehr verschlechtert hat.

Ich kann es einfach nicht mehr länger verheimlichen dass ich schwul bin.

Ich sage schon mal vielen Dank für das durchlesen des Textes.
Ich hoffe dass mir hier jemand helfen kann, denn ich weiß nicht weiter wie ich mich vor meinen Eltern outen kann.
RiverdaleFan 06.05.2021 11:48

Hi Nils,
ich kann verstehen, dass du deinen Freund auch deinen Eltern vorstellen willst. Was dein Vater gemacht hat ist echt abartig...weißt du denn warum er dir so ein Video schickt? Egal was der Grund ist, ich würde zu ihm den Kontakt reduzieren. Wenn du noch zuhause wohnst(wovon ich ausgehe), wird das zwar schwieriger, aber dennoch möglich. Jetzt zum Thema Homophobie: Kennst du die Gründe dafür, das deine Eltern etwas gegen Schwule haben? Seid ihr vielleicht streng gläubige Christen/Moslems? In Religionen werden Homosexuelle nämlich meist als Sünder angesehen. Wenn sie Gründe haben, lässt sich da wahrscheinlich nichts dran ruckeln. Aber wenn sie keine haben, frag sie, warum sie denn dann etwas gegen Schwule haben. Vielleicht denken sie dann darüber nach und kommen doch zu dem Entschluss, das es keine Sünde oder sonst was ist.
lg
lili *Tschüss*

Ich weine nicht bei Filmen. Das Leben ist schon tragisch genug.

~Cheryl Blossom
Christian Teamer(-in) 06.05.2021 12:19

Hi Nils,

Danke, dass Du Dich mit Deinem Problem an Beratung5Kids gewendet hast. Das war ein mutiger und richtiger Schritt. Denn wenn man mit seinem Problem alleine ist, ist es wie ein Berg, der unüberwindbar vor einem liegt. Da kann es helfen, es mal mit den Augen von anderen zu sehen.

Lili hat Dir schon geschrieben und ein paar wichtige Fragen gestellt. Zum Beispiel, ob die Homophobie religiöse Ursachen hat. Aber wenn Dein Vater Dir anstößige Videos schickt, mag ich kaum glauben, dass er aus Frömmigkeitsgründen was gegen Schwule hat.

Lili fragte auch, ob Du noch zu Hause wohnst. Du schreibst ja selbst, dass Du Angst hast, vor die Tür gesetzt zu werden. Also nehme ich an, dass Du noch zu Hause wohnst, und dass Du das eigentlich auch so beibehalten möchtest. Jedenfalls hast Du Angst, was passiert, wenn sie Dich vor die Tür setzen.

Deine Situation ist alles andere als einfach. Als Heranwachsender, wen hat man denn da, auf den man sich eigentlich 100% verlassen können sollte? Seine Eltern. Und ausgerechnet die zeigen Dir, dass sie mit Deiner Veranlagung (von der sie noch nichts wissen) nicht klarkommen würden. Das ist bitter.

Andererseits bist Du 18. Volljährig. Du dürftest ausziehen. Mit Deinem Freund zusammenziehen. (Und sei versichert: wenn Du das wolltest, fände sich ein Weg, das finanziert zu bekommen, nicht unbedingt eine Villa mit Pool, aber etwas, was ausreicht, um dort zu leben...)

Aber willst Du das? Ich glaube, Du musst Dir jetzt ein paar Fragen stellen... und beantworten. Vor allem erst mal Dir. Ob Du uns dazu etwas schreibst, ist ganz Dir überlassen. Wenn Du dazu etwas hier schreibst, kann ich natürlich wieder versuchen, darauf einzugehen...

Also erstens: wie stehst Du zu der Idee, von zu Hause auszuziehen? Ich spreche gleich mal ein paar Dinge an. Finanzierung: Dafür müsstest Du zum Jugendamt (die sind noch für Dich zuständig, mindestens bis Du 21 bist) und Deine Situation schildern. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Dich dann unterstützen, dass Du nicht mehr zu Hause wohnen musst. Und das bedeutet auch, dass sie mit Dir klären, wie das finanziert werden kann. Je nach finanzieller Situation Deiner Eltern liefe das evtl. darauf hinaus, dass sie Dir die Miete zahlen müssen, oder wenn sie das nicht tun, das Sozialamt in Vorleistung tritt und die Miete bei Deinen Eltern eintreibt. Also Du musst Dich nicht mit Deinen Eltern darüber auseinandersetzen. Trotzdem ist das natürlich oft etwas, was Familien auseinandertreibt: wenn der Nachwuchs das Jugendamt einschaltet, um die Miete bei den Eltern einzutreiben.

Oder willst Du lieber zu Hause bleiben? Dann hast Du zwei Optionen: lieber nichts sagen, oder die offene Auseinandersetzung. So, wie Du es schilderst, wird es nicht rosig. Aber man weiß nie: vielleicht hast Du doch gute Argumente, so nach dem Motto "Ich bin euer Fleisch und Blut, und ich bin eben schwul. Wollt ihr mich deshalb verdammen? Oder wollt ihr zu mir stehen, wie sich das für Eltern gehört?".

Tja, jede Menge Fragen. Und es hängt eben viel davon ab, wie die Situation ist. Großstadt, Kleinstadt, Dorf... was ist mit der Schule? Bist Du da geoutet? Oder bei Deinen engsten Freunden? Wie ist das Verhältnis zu den Eltern mal abgesehen von den ständigen homophoben Äußerungen? Wie sehr hängst Du an Deinen Eltern, und wie sehr hängst Du an Deiner Unterkunft bei Deinen Eltern? Wie ist das Verhältnis zu Deinem Freund? Ist es zum jetzigen Zeitpunkt der Beziehung realistisch, zusammenzuziehen, oder ist das noch zu früh? Ist er geoutet, bei seinen Eltern, in der Schule? Fragen... Fragen... Fragen...

Und am Ende steht eine gut überlegte Entscheidung. Vielleicht weißt Du noch nicht alle "Details", also zum Beispiel, wie das mit dem Jugendamt läuft. Aber man kann so einen Weg ja auch Schritt für Schritt gehen, und sich immer wieder überlegen: will ich das? Mache ich weiter auf dem Weg? Jedenfalls kann ich Dir eines versichern: Wenn Du nicht zu Hause bleiben willst, weil Du einerseits endlich dazu stehen willst, dass Du schwul bist, das dann aber andererseits nicht mehr funktionieren würde, dass Du da noch lebst, dann gibt es für Dich mit Sicherheit eine Alternative. Du kannst, wenn Du willst, raus aus der Situation.

Ich weiß nicht, ob ich Dir helfen konnte... sag mal *Lächelnd* Und wenn ich weiter helfen kann: das mache ich gerne!

Liebe Grüße
Christian, vom Team von B4K

Christian
Teamer
Beratung4Kids